Der „Original-Knigge“ erschien im März 1788 in der Schmidtschen Buchhandlung in Hannover

Der „Original-Knigge“ erschien im März 1788 in der Schmidtschen Buchhandlung in Hannover 

Vor 230 Jahren erschien das Buch „Über den Umgang mit Menschen“. 

Von Matthias Blazek

Originalausgabe von „Über den Umgang mit Menschen“, 1788

„Mit Churfürstlich Sächsischem Privilegio“ – Titelblatt der Originalausgabe von „Über den Umgang mit Menschen“, 1788. Wikipedia, gemeinfrei

Der Moralphilosoph und Aufklärer Adolph Freiherr Knigge (1752-1796), der im Deister, einem Höhenzug südlich von Hannover, das Licht der Welt erblickt hatte, hatte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert intensiv mit dem Umgang mit Menschen beschäftigt. Er war 36 Jahre alt, da erschien sein bis heute hochgeschätztes Werk „Über den Umgang mit Menschen“ in seiner ersten Auflage.

Knigge, geboren am 16. Oktober 1752 zu Bredenbeck, war ein kurzes Leben beschieden. Er war 43 Jahre jung, als er als Königlich Großbritannischer Oberhauptmann in Bremen nach einigen kränklichen Jahren am 6. Mai 1796 sein Leben aushauchte.

Sein berühmtestes Werk, „Über den Umgang mit Menschen“, erschien im März 1788 „mit Churfürstlich Sächsischem Privilegio“ in der Schmidtschen Buchhandlung in Hannover. Der I. Teil umfasste 270, der II. Teil 336 Seiten. Über die Neuerscheinung schrieb die „Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung“, St. CLXX. Julius 1788, S. 1356: „Ein philosophisches Werk über diesen interessanten Gegenstand, auf psychologische Kenntniß der menschlichen Natur gegründet, und durch hinlängliche Weltkenntniß aufs wirkliche Leben angewendet, wäre allerdings eine der wichtigsten Erscheinungen des achtzehnten Jahrhunderts. Die Summe menschlicher Glückseligkeit könnte ein starkes Plus dadurch erhalten. Es müßte gleichsam ein moralischer Atlas, und eine practische Casuistik seyn, wonach der unerfahrne Fremdling in der Welt seine Wanderung einrichten, bey jeden Vorfallenheiten seine Schritte sicher leiten, und der practische Mann auf die Menschen wirken könnte. (…)“

Adolph Freiherr Knigge hatte das Buch, „zurückgezogen von dem Umgange mit Menschen“, von Herbst 1787 bis Frühjahr 1788 zu Papier gebracht. „Er hielt es für nöthig, sich über seinen Beruf zur Abfaßung eines solchen Buches auszusprechen“, so der aus Celle stammende, bekannte Literaturhistoriker Karl Goedeke (1814-1887) in seiner Knigge-Biographie (Adolph Freiherr Knigge – Knigges Leben und Schriften, Hannover, im Verlage der Hahn’schen Hofbuchhandlung, 1844). Knigge, der von der Ostermesse 1779 bis zu seinem Tod als einer der fleißigsten, zuverlässigsten und pünktlichsten Rezensenten der „Allgemeinen deutschen Bibliothek“ galt (Lichtenberg Jahrbuch 2010), hatte im Mai 1787 ein Gartenhaus in Hannover in der Calenberger Neustadt bezogen und lebte dort mit seiner Familie bis November 1790.

In der Vorrede zu den ersten beiden Auflagen seines Buches „Über den Umgang mit Menschen“ schrieb der Autor: „Übrigens habe ich dies Buch nicht flüchtig niedergeschrieben, wie wohl andre meiner Schriften, sondern lange an den Materialien dazu gesammelt – Es enthält Resultate aus meinem ziemlich unruhigen Leben unter Menschen mancher Art. Bey dem veränderlichen und leichtfertigen Geschmacke des deutschen Publikums und der übertriebenen Nachsicht, mit welcher dasselbe unbedeutende Romane, leere Journale, platte Schauspiele und nichtswürdige Anekdoten-Sammlungen aufnimmt, möchte es zwar kaum einer Entschuldigung bedürfen, wenn man diesen größern Theil des Publikums nicht so sehr respektirte, daß man streng gewissenhaft in Wahl und Ausfeilung der Produkte wäre, welche man in die gelehrte Welt schickt.“

Göttingische Anzeigen vom 10. April 1788

Rezension in den Göttingischen Anzeigen vom 10. April 1788. Digitale Sammlung Blazek

Als das Buch ein Jahr vor der französischen Revolution in der Schmidtschen Buchhandlung erschien, wurde es sofort ins Holländische, Dänische und Englische übersetzt.

Das Werk hatte Knigge übrigens Emilie von Berlepsch, geborene von Oppel (1755-1830), die einige Zeit in Hannover lebte und damals noch mit dem Juristen und Regierungsrat in Ratzeburg Friedrich Ludwig von Berlepsch verheiratet war, gewidmet.

Die Schmidtsche Buchhandlung an der Langenstraße in Hannover, die „Über den Umgang mit Menschen“ im März 1788 erstmals auflegte, war von Johann Wilhelm Schmidt 1743 in Göttingen gegründet worden und hatte eine Filiale in Hannover. Knigge veröffentlichte bei Schmidt außer „Über den Umgang mit Menschen“ (1788) „Dramaturgische Blätter“ (1788/89), „Philo‘s endliche Erklärung und Antwort“ (1788) und „Geschichte des armen Herrn von Mildenburg“ (Erster Teil, 1789). 1789 übernahm der junge, 1762 geborene Buchhändler und Sohn eines Ratsherrn Christian Ritscher den Betrieb, nachdem er soeben die Konzession zum Buchhandel auf der Neustadt Hannover erworben hatte. Im Jahr 1800 erwarb Heinrich Wilhelm Hahn (1760-1831) die inzwischen insolvente Buchhandlung Ritscher in Hannover und übernahm zugleich die Rechte an Knigge. Die Ritscher’sche Buchhandlung wird aber noch bis 1818 als Verlag der zehnbändigen Ausgabe von einigen Knigge-Werken genannt.

Die Hahnsche Buchhandlung (Gebrüder Hahn) gab nach der 8. Auflage 1804 nur noch die Bearbeitungen des Pfarrers Friedrich Philipp Wilmsen (1770-1831) und des jungen Literaturhistorikers Karl Goedeke heraus.

Im „Tagebuch einer der Kultur und Industrie gewidmeten Reise“ heißt es 1809: „Buchdruckereien gibt es sechs in Hannover. Buchhandlungen drey, nämlich die von Helwing, Gebrüder Hahn, und Ritscher. Von der letzteren sind die Gebrüder Hahn auch Eigenthümer, und beschäftigen, außer zwei Druckereien in Hannover, eine in Hameln, eine in Königslutter, eine in Eimbeck, eine in Braunschweig und mitunter die in Göttingen.“

Der Germanist Karl-Heinz Göttert schreibt 2015 in der bei Reclam erschienenen Ausgabe von „Über den Umgang mit Menschen“: „Als der Umgang mit Menschen 1788 in Hannover erstmals erschien, deutete noch nichts auf den beispiellosen Siegeszug hin. Knigge hatte sich bislang mit Romanen einen noch sehr bescheidenen Namen gemacht. Der Sohn einer alten Adelsfamilie schlug sich nach dem Bankrott seines Vaters mehr schlecht als recht durchs Leben, suchte einen Aufstieg in der Freimaurerei, der nach Jahren emsigsten Bemühens gerade gescheitert war.“ 

Noch im gleichen Jahr, 1788, erschien eine zweite, „verbesserte“ Auflage, die maßgebliche dritte Auflage von „Über den Umgang mit Menschen“ wurde 1790 in Hannover aufgelegt. Zu den – auch unter dem Einfluss der Französischen Revolution – vorgenommenen Veränderungen schreibt Karl Goedeke in der Einleitung zur „aufs Neue durchgesehenen“ 13. Auflage des „Original-Knigge“ (Hannover, Hahn‘sche Hof-Buchhandlung, 1853): „Was die französische Revolution zu Tage brachte und in der ersten Auflage vom Jahre 1788 noch nicht vorhanden sein konnte, finden wir bereits in der dritten von 1790. Und jede Auflage bis zur dritten einschließlich ist mit Nachbesserungen, Veränderungen, und Umgestaltungen versehen worden.“ 

Bis 1922 erschienen insgesamt zwanzig Originalausgaben von „Über den Umgang mit Menschen“.

Literatur:

»… in mein Vaterland zurückgekehrt.«, Adolph Freiherr Knigge in Hannover 1787-1790, hrsg. von Paul Raabe, Göttingen 2002.

Adolf Freiherr Knigge/Friedrich Nicolai, Briefwechsel 1779-1795, hrsg. von Mechthild und Paul Raabe, Göttingen 2004.

Adolph Freiherr Knigge Briefwechsel mit Zeitgenossen 1765-1796, hrsg. von Günter Jung und Michael Rüppel, Göttingen 2015.

 

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