Guillotine wird nach jahrelanger Pause für Vierfachhinrichtung 1909 in Béthune aufgestellt

Räuberbande versetzt in den Jahren nach 1900 ganz Nordfrankreich in Schockzustand

„Bei der vierfachen Hinrichtung, welche 1909 in Béthune stattfand, hörte die blutdürstige Menge nicht auf mit tierischen Schreien ‚à mort’, sodass die gelernte französische Presse voll Ekels die Abschaffung der öffentlichen Hinrichtung forderte.“

Paul-Louis Ladame, „Peine de mort et criminalité“, in: Schweizerische Zeitschrift für Strafrecht (1909), Seite 3 (Anm.)

In Béthune, einem kleinen französischen Provinzort, wurden am 11. Januar 1909 Abel und Auguste Pollet, Häupter einer Mord- und Raubbande, und zwei ihrer Spießgesellen hingerichtet. Erstmals seit über drei Jahren hatte man in Frankreich wieder die Guillotine eingesetzt. Anatole Deibler (1863-1939), „Monsieur de Paris“, war der den Akt überwachende Scharfrichter. Er hatte zum 1. Januar 1899 die Nachfolge seines Vaters Louis angetreten.

Die „Pollet-Bande“, wie ihr Spitzname in der lokalen und nationalen Presse lautete, war eine Gruppe von Banditen, die um 1900 Nordfrankreich und das südliche Westflandern mit 131 kriminellen Taten terrorisierten. Diese hoch organisierte Bande von zuletzt 27 Personen („des bandits d’Hazebrouck“) wurde von den Brüdern Abel und Auguste Pollet angeführt, daher rührt der Name „bande Pollet“. Die große Zahl der Verbrechen dieser Banditen weckte das Interesse zahlreicher Journalisten. Sie sollten am Ende wegen zahlreicher Verbrechen verurteilt werden. Dem Anführer der Bande, Abel Pollet (1873-1909), wurden allein 790 Einbrüche zugeschrieben. Er soll oft in die Cafés von Hazebrouck gegangen sein, um Informationen zur Vorbereitung seiner Einbrüche zu sammeln.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte in Frankreich ein Klima der zunehmenden Unsicherheit, die weitgehend von der nationalen Presse gefördert war, die auf die Unfähigkeit der Polizei hinwies: Die „Apachen“, wie man um 1900 die räuberischen Kleinkriminellen in Paris bezeichnete, grassierten in Paris, die „Chauffeure der Drôme“ terrorisierten die Bewohner der Landschaft rund um Valence und von Romans-sur-Isère im Departement Drôme. Die Straflosigkeit vieler Verbrechen und die Langlebigkeit krimineller Karrieren demonstrierten die Unfähigkeit des Staates, ihnen mit ausreichenden und fähigen Sicherheitskräften entgegenzuwirken.

Abel Pollet wurde am 9. Oktober 1873 in einem Haus an der Rue du Pain Sec in Vieux-Berquin („hameau du Sec-Bois“) im Departement Nord-Pas-de-Calais, unweit östlich von Hazebrouck, als Sohn guter Eltern geboren. Er war ein nervöser Mann, schroff, er trug einen Bart und einen braunen Schnurrbart. Er wurde als sehr unhöflich und arrogant beschrieben. Im Alter von neun Jahren, am Tag seiner Kommunion, beging er seinen ersten Diebstahl: „une pièce de 100 sous“, eine Silbermünze, die er in der Schublade eines Lebensmittelhändlers gefunden hatte. Den Sou hatte es damals längst nicht mehr gegeben; er bezeichnete den Betrag von 5 Centimes.

Die Kommunionsfeier wurde nicht abgebrochen; dann folgte die Sanktion, ein dreimonatiger Aufenthalt im Haus der Korrektur (Maison de correction). Mit 12 Jahren entfiel die Pflicht, zur Schule zu gehen (die er überhaupt nicht mochte), und sein Vater verschaffte ihm eine Arbeit bei einem ortsansässigen Viehkaufmann. Er klaute einen Ring und wurde daher entlassen. Acht Tage im Gefängnis, und seine Eltern wollten danach nichts mehr von ihm wissen. Er beschloss, bei seinem drei Jahre älteren Bruder Auguste zu leben (wovon dessen Frau, Eugénie, geb. Morent, allerdings nicht begeistert war).

1898 lebte Abel Pollet noch immer in Vieux-Berquin. Am 28. März lernte er einen neuen Rekruten kennen: Canut Vromant, 21 Jahre alter Tagelöhner, 1878 in Bavikhove (Westflandern) geboren, eingebürgerter Belgier und Schläger, wohnhaft in Hazebrouck. Pollets frühe Weggefährten waren somit anfangs sein Bruder Auguste, dann Victor Noté, die Brüder Léon und Henri Fauvart, Gustave Leclerc, Vromant und so weiter, in deren Gesellschaft er mehr als hundert Einbrüche verübte.

Pollet „spezialisierte“ sich in der nachfolgenden Zeit auf den Diebstahl von Nahrungsmitteln, die er aus den Höhlen und Salinen der Menschen in der Region plünderte. Im Jahr 1901 wurde er wegen eines Einbruchs in Vieux-Berquin festgenommen, dafür bekam er eine Gefängnisstrafe von vier Jahren, die er im gleichen Jahr im Prison de Loos-lès-Lille antrat. Nachdem er seine Freiheit wiedererlangt hatte, wartete er nicht einmal eine Woche, um wieder in „Arbeit“ zu kommen, und zwar mit den während seiner langen Haft erworbenen Kenntnissen. So verübte er von Februar bis August 1905, oftmals von seinem Bruder Auguste begleitet, 41 Einbrüche, teils auch unter Anwendung von Gewalt.

Ende 1904 stellte er seine letztendliche Räuberbande zusammen. Im Sommer 1905 trat Théophile Deroo, „Charlot“, am 24. Oktober 1878 in Méteren geboren, der früher bereits an den Kellerdiebstählen beteiligt gewesen war, hinzu. Marcel Deroo und Louise Matoret, 21 Jahre alte Geliebte von Abel Pollet, die mit ihm auch zusammenlebte, schlossen schließlich den engeren Kreis der Räuberbande.

Insgesamt werden den Polletbrüdern und ihren Komplizen, deren Einzugsbereich sich vom französisch-belgischen Grenzraum zum Bergbaubecken der Provinz Artois, mit einer Vorliebe für die flämische Ebene, erstreckte, 114 Überfälle mit vorgehaltener Waffe, sieben Mordversuche und die Tötung von vier Menschen zugerechnet.

Der Ausgangspunkt des vorherzusehenden Medienereignisses war allerdings eher banal. Im Jahre 1904 wurden im Bereich von Béthune Diebstähle auf einsamen Bauernhöfen verübt. Sie wurden in der Nacht begangen, als die Besitzer im Obergeschoss schliefen. Im Visier hatten die Räuber meistens Lebensmittel. Nach und nach gewannen die Kühnheit und der Appetit der Kriminellen aber an Dynamik.

In der Nacht vom 17. auf den 18. Januar 1905 änderte sich alles. Bei Calonne-sur-la-Lys überraschte Achille Deron, ein Bauer von 77-78 Jahren, die in sein Haus eingebrochenen Einbrecher. Sie schlugen ihn mit einer Sichel nieder, erbeuteten eine Wollsocke mit 18 Francs und flohen. Sie ließen den auf dem Boden seines Schlafzimmers liegenden schwer verletzten Mann zurück. Deron überlebte auf wundersame Weise. Jetzt waren die Gauner nicht mehr nur Diebe, sie hatten nun auch Blut an ihren Händen.

Mit von der Partie bei diesem Überfall: ein neu hinzugetretener ortskundiger Belgier namens Camiel „Lapar“ Guyard, ein Flame aus Poperinge (Westflandern), von dem noch mehrfach die Rede sein wird.

Am 16. August 1905, ein halbes Jahr später also, überfielen sie in Locon (nahe Béthune) die betagten Eheleute Lenglometz. Der Ehemann, Frédéric Henri Lenglometz, 1825 in Locon geborener Bauer und Gastwirt, erlag seinen Verletzungen.

Skizze des Hauses der Eheleute Lenglometz, wo in der Nacht vom 16. zum 17. August 1905 das Verbrechen begangen wurde. Archives départementales du Pas-de-Calais, 2 U 168, dossier 181.

Skizze des Hauses der Eheleute Lenglometz, wo in der Nacht vom 16. zum 17. August 1905 das Verbrechen begangen wurde. Archives départementales du Pas-de-Calais, 2 U 168, dossier 181.

Mit ihrer offensichtlichen Mobilität entgingen die Bandenmitglieder immer wieder den von der Polizei gestellten Fallen: Am 26. August 1905 raubten sie in Westoutre (Belgien), am 6. September in Houtkerque, am 7. September in Proven und in Elverdinge, am 12. September in Ypres, am 22. September in Neuve-Eglise, danach operierten sie in der Gegend von Poperinge, während die Bevölkerung mit der Hopfenernte beschäftigt war.

Am 19. November 1905 überfiel Abel Pollet in Neuf-Berquin die Eheleute Pruvost. Seine Beute: 500 Francs.

In der Nacht vom 28. zum 29. November 1905 versuchte Abel Pollet in Dadizeele (Belgien), Monsieur Degroote umzubringen. Seine Beute: 303 Francs.

Am 28. Dezember 1905 verübten Abel Pollet und Théophile Deroo in Pollinkhove (Belgien) einen nächtlichen Überfall auf die Frauensperson Verlynd. Der Raub wurde schließlich durch Alarm verhindert. Dennoch starb die 90 Jahre alte Dame an den Folgen ihrer schweren Verletzungen.

Am 2. Januar 1906 wurde ein weiteres älteres Ehepaar in seinem Haus überfallen, diesmal in Krombeke in Belgien. Die siebzigjährige Marie Annothe wurde getötet. Auf den Mord folgte der Raub. Am gleichen Tag folterten die Räuber ebenfalls in Krombeke den Bauern Louzie, 73 Jahre, und versuchten dann, ihn mit Schlagstöcken zu töten. Dort belief sich die Beute auf 250 Francs.

Zum Mord in Krombeke am 2. Januar 1906. Postkarte von 1907. Digitale Sammlung Blazek

Zum Mord in Krombeke am 2. Januar 1906. Postkarte von 1907. Digitale Sammlung Blazek

Die Region befand sich in einem Schockzustand. Bei Einbruch der Nacht verbarrikadierte man sich zu Hause, vor allem in abgelegenen Farmen. Die Hinterhalte vermehrten sich bis zum 20. Januar 1906, als die Bande schließlich ein Massaker an einer ganzen Familie anrichtete. In dieser Nacht hatte sie den relativ einfachen Bauernhof von Violaines unweit La Bassée aufgesucht. Dort schliefen Henri Lecocq, früherer Ortsbürgermeister, seine Frau, beide 81 und 79 Jahre alt, und die 55-jährige Tochter Euphrosine. Alle drei wurden brutal ermordet und das Haus gründlich durchsucht. Angesichts der Gewalt, die die Bande dieses Mal gezeigt hatte, machten sich die Behörden auf, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, um die Verbrecher zu stoppen.

Beweisstück vom Mordverbrechen von Violaines vom 20. Januar 1906. Postkarte. Digitale Sammlung Blazek

Beweisstück vom Mordverbrechen von Violaines vom 20. Januar 1906. Postkarte. Digitale Sammlung Blazek

Die Vorgänge wurden detailliert im „Le Petit Parisien“ vom 16. Juni 1908 behandelt. Da heißt es:

Dokument zum Überfall von Violaines, 30. Januar 1906. Archives départementales du Pas-de-Calais, 2 U 168, dossier 181.

Dokument zum Überfall von Violaines, 30. Januar 1906. Archives départementales du Pas-de-Calais, 2 U 168, dossier 181.

„(…) Pollet Abel hatte in der Tat soeben seine Kerze fallen gelassen. In dieser kurzen Zeit nutzte Euphrosine die ihr verbliebenen Kräfte, um ihrer Mutter zuzurufen, sie solle das Fenster öffnen und um Hilfe rufen. Um sie zum Schweigen zu bringen, lief Vromant zu ihr und schlug sie mit der Abdeckung, mit der er bewaffnet war, nieder. Dann wandte er sich der Mutter, Frau Lecocq, zu, die versuchte, das Fenster zu öffnen, und gab ihr einen schrecklichen Schlag auf den Kopf und warf sie auf den Fuß ihres Bettes. Die beiden Frauen bewegten sich nicht mehr, Abel Pollet machte eine Lampe an – denn diese ganze schreckliche Szene war gerade in der Dunkelheit passiert – und begann mit dem Durchstöbern der Möbel. Er nahm Schmuck und eine Box mit einem Betrag von 6.375 Francs, womit er seine Taschen füllte.“

Der eingetroffene Bürgermeister, Monsieur Debourez, notierte, er glaube ein „Blutbad“ („un bain de sang“) vor sich zu haben. Die Verwandten der drei Mordopfer lobten eine Belohnung von 250 Francs aus für jede Information, die zur Festnahme der Täter führen würde und die gleiche Summe auch für die Ergreifung der Täter.

Am 17. Februar 1906 verübten Abel Pollet und Théophile Deroo in Rumbeke (Belgien) einen Raubüberfall auf die Witwe Stragier.

Am 24. Februar 1906 folgte ein versuchter Anschlag Abel Pollets auf die Eheleute Benit in Dottenijs (Belgien) von Abel Pollet, danach folgte der Raub: 2000 Francs und Schmuck.

Am 2. März 1906 folgte ein versuchter Anschlag, gefolgt vom Diebstahl, auf den Ehemann Depoix à Thiennes. Die Täter: Abel Pollet et Théophile Deroo.

Am 18. April 1906 verübten Abel Pollet und Théophile Deroo in Oostoletert (Belgien) einen Raubüberfall und Mordversuch an einem Herrn Ballu. Das Diebesgut: 250 Francs und Schmuck.

Am 21. April 1906 verübten Abel Pollet und Théophile Deroo in Ronsbrunge (Belgien) einen Raubüberfall und Mordversuch an der Witwe Delhaye. Das Diebesgut: 4000 Francs, verschiedene Rententitel und Schmuck.

Am 30. April 1906 wurde mit Blick auf die in Aussicht gestellte Prämie ein gewisser Auguste Platteel bei der Gendarmerie vorstellig. Er war Abel Pollets Schwager und behauptete, zu wissen, wer das Verbrechen von Violaines begangen habe. Er sagte, dass er beim Besuch seiner Schwester Julienne Platteel, verheiratete Pollet, gehört habe, wie diese seiner anderen Schwester von den Taten ihres Ehemanns, des 32 Jahre alten Tagelöhners Abel Pollet, der aus Hazebrouck stamme und polizeibekannt sei für Diebstahl und Gewalt, erzählt habe. Allerdings, so Platteel, habe der Mann nicht allein gehandelt, sondern sei in der Nacht von seinem Bruder Auguste Pollet und einem dritten Mann, Canut Vromant, begleitet gewesen.

Auguste Platteel, Bewohner des Weges Coron du Major in Nœux-les-Mines (Departement Pas-de-Calais), dessen 1872 geborene Schwester Julienne 1895 Abel Pollet geheiratet hatte, war selbst mit Marie Bailleul verheiratet. Er war früher selbst als Mitglied der Pollet-Bande an Schmuggelaktionen beteiligt gewesen. Die Denunziation scheint ihm Straffreiheit eingebracht zu haben. Allerdings verschwand er nach der Anzeige plötzlich völlig von der Bildoberfläche.

Am 3. und 4. Mai 1906 nahmen daraufhin Polizisten der Allgemeinen Sicherheit von Paris eine Reihe von Festnahmen vor, darunter die der Polletbrüder. Am 3. Mai wurde der Hauptschlag gegen die Bande durchgeführt. Nach Informationen von „De Verbroedering – Weekblad der Socialistische Werkersvereenigingen van het Arrondissement Oudenaarde“ vom 15. Juli 1906 wurden am Donnerstag, 3. Mai, die ersten Verhaftungen vorgenommen, die dann zum Aufspüren der gesamten Pollet-Bande geführt haben. An der Mervillestraat in Hazebrouck wurden von den Polizeikommissaren der Stadt fünf Personen verhaftet, die als sehr gefährlich beschrieben wurden. Es handelte sich um die Brüder Abel und Auguste Pollet, Louise Matoret, Dienstmagd in einer Herberge auf dem Weg nach Merville, Canut Vromant und eine Frau namens Quaegebeur, mit welcher Vromant zusammenlebte. Auch die Frau von Abel Pollet, Julienne Pollet, wurde festgenommen.

Im Zuge der weiteren Ermittlungen wurde am 10. Juli 1906 diese „Confrontation“ mitten auf der französisch-belgischen Grenze inszeniert.

Im Zuge der weiteren Ermittlungen wurde am 10. Juli 1906 diese „Confrontation“ mitten auf der französisch-belgischen Grenze inszeniert. Am Tisch sitzen von französischer Seite (rechts): Abel Pollet, Auguste Pollet, Théophile Deroo, Louise Matoret, Madeleine Deroo, Madame Lagache, vonseiten der Geladenen und Befragten, Parkett von Béthune und Parkett von Hazebrouck: der Staatsanwalt, der Richter, ein zweiter Richter, Schreiber, von belgischer Seite (linke Seite): Camiel „Lapar“ Guyard, Verbeke, Dekimpe, Madame Paret, Madame Brouquet. Die Etagen von Ypern und Courtrai, der Kommissar der Polizei, der Staatsanwalt, der Richter und seitlich sechs französische und sechs belgische Gendarmen, die die Straftäter überwachen und den reibungslosen Ablauf der Gegenüberstellung gewährleisten sollten. Digitale Sammlung Blazek

Konfrontation_an_der_b-f_Grenze

Im Zuge der Vernehmungen stellte sich heraus, dass die Aussagen der französischen und flämischen Mitglieder der Bande voneinander abwichen. Aus dem Grunde wurde am Dienstag, 10. Juli 1906, an der Grenze in Abele, an der Casseldreef, zwischen Poperinge und Hazebrouck, ein Treffen veranstaltet, bei dem Abel Pollet und Lapar miteinander konfrontiert werden sollten. Aus dem Café „Au Sébastopol“ waren ein paar Tische und einige Stühle angefordert. Sie wurden auf der Mitte der Straße aufgestellt, sodass die Flamen auf der belgischen Seite und die Franzosen auf der französischen Seite waren. Niemand durfte sein eigenes Land verlassen.

Gerichtliche Gegenüberstellung 1906: die belgische Seite mit Camiel Guyard. Interessant die starke militärische Präsenz. Digitale Sammlung Blazek

Gerichtliche Gegenüberstellung 1906: die belgische Seite mit Camiel Guyard. Interessant die starke militärische Präsenz. Digitale Sammlung Blazek

In der ersten Hälfte des Jahres 1907 fällten bereits die ersten Gerichte in Westflandern ihre Urteile über die geständigen Banditen, so das Gericht von Kortrijk am 15. Januar 1907, das Gericht von Ypern am 28. Februar 1907, das Gericht von Kortrijk am 23. Juli 1907, das Gericht von Ypern am 25. April 1907 und das Schwurgericht von Westflandern. Nach einer Haftstrafe von zwei Jahren wurde die Bande am 4. Juni 1908 um 5 Uhr morgens zum Geschworenengericht in Saint-Omer überstellt.

Le Petit Parisien, Paris, vom 16. Juni 1908. Digitale Sammlung Blazek

Le Petit Parisien, Paris, vom 16. Juni 1908. Digitale Sammlung Blazek

Der Geschworenengerichts-Prozess fand nach zwei Jahren Aufbereitungszeit unter dem Vorsitz von Maxime Lefrançois (1857-1926) vom 16. bis 26. Juni 1908 in Saint-Omer im Departement Pas-de-Calais statt. Der Gerichtssaal musste erweitert werden, um Platz für insgesamt 27 Angeklagte zu schaffen, ebenso für die regionale und nationale Presse und eine Menge von Schaulustigen. Die Pollet-Bande musste sich nun für vier Morde, sieben Mordversuche und 114 versuchte oder tatsächlich begangene Diebstähle in Verbindung mit Drohungen und Gewalt verantworten.

Louise Matoret, weibliche Hauptperson der Bande. Postkarte von 1907. Am 30. Januar 1909 wies „Le Matin“ in Paris darauf hin, dass Abel Pollets ehemalige Geliebte nun, als freigesprochene Frau, den Weber Arsène Christy aus Épehy (Somme) heiraten werde. Digitale Sammlung Blazek

Louise Matoret, weibliche Hauptperson der Bande. Postkarte von 1907. Am 30. Januar 1909 wies „Le Matin“ in Paris darauf hin, dass Abel Pollets ehemalige Geliebte nun, als freigesprochene Frau, den Weber Arsène Christy aus Épehy (Somme) heiraten werde. Digitale Sammlung Blazek

Am letzten Verhandlungstag verurteilte der Assisenhof die vier Hauptangeklagten zum Tode, verhängte 18 Strafen von zwei bis sieben Jahren Gefängnis und sprach fünf Bandenmitglieder frei. 996 Fragen hatte die Jury insgesamt gestellt. Marcel Deroo wurde zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Louise Matoret gehörte zu den Freigesprochenen. Die Kassation wurde verweigert, sodass die Hauptangeklagten um die Gnade des Präsidenten der Republik baten.

Foto vom Prozess gegen die Pollet-Bande in St. Omer, 1908. Digitale Sammlung Blazek

Fotos vom Prozess gegen die Pollet-Bande in St. Omer, 1908. Digitale Sammlung Blazek

Foto vom Prozess gegen die Pollet-Bande in St. Omer, 1908. Digitale Sammlung Blazek

Littoral, 27. Juni 1908, Seite 2: Überblick über alle Verurteilungen im Zuge des Geschworenengerichts-Prozesses von Saint-Omer. Digitale Sammlung Blazek

Littoral, 27. Juni 1908, Seite 2: Überblick über alle Verurteilungen im Zuge des Geschworenengerichts-Prozesses von Saint-Omer. Digitale Sammlung Blazek

Die Urteile im Einzelnen: Abel und Auguste Pollet, Canut Vromant und Théophile Deroo: Todesstrafe, Philomène Craney, verheiratete Fauvart, 4 Jahre Gefängnis, Angèle Platteel, verheiratete Quaegebeur (1902 mit Jérémie René Quaegebeur, 1873-1928), 5 Jahre Haft, Julienne Platteel, verheiratete Abel Pollet, 5 Jahre Haft, Eugénie Morent, verheiratete Auguste Pollet, 5 Jahre Haft, Angèle Pollet, verheiratete Hermen, 5 Jahre Haft, Henri Fauvart, 2 Jahre Haft, Léon Fauvart, 5 Jahre Haft, Villier Noté, 8 Jahre Haft, Marie Josien, verheiratete Noté, freigesprochen, Paul Josien freigesprochen, Eugénie Laronde, verheiratete Ovarlet, 5 Jahre Haft, Marie Deram, Witwe von Picquet, 5 Jahre Haft, Charles Vandevelde 7 Jahre Haft, Gustave Leclerc freigesprochen, Céline Pollet, verheiratete Leclerc, 20 Jahre harte Arbeit, Sidonie Deken, Ehefrau von Deroo, 3 Jahre Haft, Marie Geoffroy, verheiratete Laga, freigesprochen, Marcel Deroo 8 Jahre harte Arbeit, Louise Matoret freigesprochen, Jules Brabands 5 Jahre Haft, Marie Debril, verheiratete Vandamme, 7 Jahre Haft, Constant Camerlynck 5 Jahre Haft.

Abel Pollet sagte zum Unterpräfekten von Béthune, der gekommen war, um ihn zu sehen: „Wenn Sie wüssten, was ich getan habe, werden Sie es nicht glauben! Was ich vor dem Geschworenengericht gestanden habe, ist nichts. Ich allein habe mehr als 250 Verbrechen begangen.“

Um der Räuberbanden jener Zeit Herr zu werden, wurden per Dekret vom 30. Dezember 1907 die berühmten „Brigades du Tigre“ (Brigaden des Tigers) des damaligen Premierministers und Innenministers, Georges Clemenceau (1841-1929), ins Leben gerufen.

Als am 8. Dezember 1908 eine vom neu ernannten Justizminister, Aristide Briand (1862-1932), eingebrachte Gesetzesvorlage vom Juli des Jahres zur Abschaffung der Todesstrafe in der Abgeordnetenkammer mit 330 gegen 201 Stimmen abgelehnt wurde, kehrte man in Frankreich wieder zur Todesstrafe zurück. Erst im Jahr zuvor, im September 1907, hatte die umstrittene Begnadigung von Albert Soleilland (1881-1920), der für schuldig befunden war, am 31. Januar 1907 die 11-jährige Martha Erbelding in Paris vergewaltigt, erwürgt und zerstückelt zu haben, die Popularität des Amtes des französischen Präsidenten stark in Mitleidenschaft gezogen. Ein Pariser Geschworenengericht hatte den Angeklagten zuvor zum Tode verurteilt. In Frankreich war damals eine große Bewegung entstanden, die die Todesstrafe befürwortete.

Die Ersten, die die neue Parlamentsentscheidung nun direkt betreffen sollte, waren die Hauptangeklagten um Abel Pollet.

Die Vierfachhinrichtung der „bandits d’Hazebrouck“ am Montag, dem 11. Januar 1909, in Béthune wurde zu einem regelrechten Volksfest, zu dem die ganze nationale Presse und zahlreiche „Touristen“ anreisten. „Scènes de beuverie, scènes de fête populaire, manifestations scandaleuses, cris, applaudissement, chants, sifflets, scènes écourantes que les autorités n’ont pas pu ou n’ont pas voulu éviter.“

Die Stadtverwaltung hatte im Vorfeld genehmigt, dass die Kneipen und Restaurants über Nacht geöffnet blieben, die Zeitungen verteilten Sonderausgaben, Anwohner vermieteten ihre Fenster als „Logenplätze“, andere Schaulustige stiegen auf Bäume und Leitern.

Die Hinrichtung mobilisierte Menschenmassen, sie zog das Interesse der Presselandschaft und der Wochenschauen nach sich. Das Theater des Schreckens zog die Menschen in ihren Bann. Die in den Zeitungen genannten Gesamtzahlen der beim traurigen Akt massenhaft anwesenden blutgierigen Schaulustigen schwankten enorm. Es scheinen zwischen 10.000 und 15.000 Menschen gewesen zu sein, die den Straßenabschnitt Rue d’Aire/Place Lamartine belagerten.

Da sich Innenminister Georges Clemenceau nicht in der Lage sah, ein Team aus Wochenschauen des Unternehmens Pathé („Pathé Actualités“) zu verhindern, adressierte er am Vorabend der Hinrichtung ein Zirkular an die Präfekten, wonach die Wiedergabe von Foto und Film unterbunden werden sollte: „La direction des affaires criminelles a présenté au procureur de la République de Béthune de prendre les mesures nécessaires pour que l’exécution ne puisse être reproduite par aucun appareil photographique ou cinématographique.“

1909: L’avis d'exécution: Diese Postkarte kündigt die bevorstehende Hinrichtung an. Im Hintergrund sieht man das Zellengefängnis von Béthune sowie Scharfrichter Anatole Deibler mit den vier Delinquenten. Digitale Sammlung Blazek

1909: L’avis d’exécution: Diese Postkarte kündigt die bevorstehende Hinrichtung an. Im Hintergrund sieht man das Zellengefängnis von Béthune sowie Scharfrichter Anatole Deibler mit den vier Delinquenten. Digitale Sammlung Blazek

Am 10. Januar hatte sich die Nachricht von dem bevorstehenden Ereignis wie ein Lauffeuer verbreitet, und das massenhafte Publikum begab sich noch in der Nacht zum Ort der Exekution. Bereits bei Tagesanbruch gab es vor Ort nicht nur eine unglaubliche Fülle von Franzosen, sondern auch viele ausländische Touristen (Deutsche, Engländer, Schweizer, Luxemburger und weitere), die sich besondere Eindrücke erhofften.

Es gibt einschlägige Belege für die große Bedeutung der Veranstaltung. Zunächst wurde außergewöhnlich viel Polizei eingesetzt, um die öffentliche Ordnung zu gewährleisten. „Le Roussillon“, die Zeitung des Roussillon, präzisierte in einem Beitrag unter der Überschrift „La Guillotine à Béthune“ am 11. Januar 1909, dass der Ordnungsdienst von 90 Gendarmen zu Fuß und 40 zu Pferd gewährleistet wurde, darüber hinaus durch das in Béthune stationierte Bataillon des 73° und 200 Reiter der 21° Dragoner von Saint-Omer. Die Soldaten verließen, nachdem sie Suppe gegessen hatten, um 1 Uhr in der Früh die Kaserne, um frühstmöglich ihren Dienst anzutreten.

Dann reihten sich die nationalen und internationalen Zeitungen, die ihre eigenen Reporter geschickt hatten, um das Themenfeld der Hinrichtungen zu besetzen, bei den zahlreichen regionalen Zeitungen ein. Aus Perpignan und den Pyrénées-Orientales kamen „L’Indépendant des Pyrénées-Orientales“, „La Croix des Pyrénées-Orientales – Organe officiel de la jeunesse catholique“ und „Le Roussillon“.

„Le Petit Journal“ titelte im Vorfeld: „quatre têtes tomberont ce matin à Béthune…Abel et Auguste Pollet, Deroo et Vromant paieront les crimes des bandits du Nord“ (Vier Köpfe fallen diesen Morgen: Abel und Auguste Pollet, Deroo und Vromant bezahlen für die Verbrechen der Banditen des Nordens).

Ankunft von Anatole Deibler (hier: aus Anlass einer Hinrichtung in Rodez 1910). Rechts oben im Bild: der mit der Eisenbahn transportierte geschlossene Pferdewagen mit der Guillotine, für deren Zusammenbau man etwa eine halbe Stunde benötigte. Digitale Sammlung Blazek

Ankunft von Anatole Deibler (hier: aus Anlass einer Hinrichtung in Rodez 1910). Rechts oben im Bild: der mit der Eisenbahn transportierte geschlossene Pferdewagen mit der Guillotine, für deren Zusammenbau man etwa eine halbe Stunde benötigte. Digitale Sammlung Blazek

250 Zuschauerkarten hatte die Staatsanwaltschaft für dieses Schauspiel in vier Akten verteilt. Mitglieder der „guten Gesellschaft“ waren aus Paris herbeigeeilt. Ganz Béthune, Familien mit kleinen Kindern drängten sich um die Richtstätte. Die Menge rief: „Vive Deibler!“, „A mort Pollet!“, „A mort les voyous!“, „A la guillotine!“.

Zeitungsbild mit Anatole Deibler inmitten der vier Delinquenten in Béthune, 1909. Digitale Sammlung Blazek

Zeitungsbild mit Anatole Deibler inmitten der vier Delinquenten in Béthune, 1909. Digitale Sammlung Blazek

„Am Fuß des Schafotts – Vierfach-Exekution“: Über den letzten Tag der Verurteilten. L’Aurore, Paris, 11. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

„Am Fuß des Schafotts – Vierfach-Exekution“: Über den letzten Tag der Verurteilten. L’Aurore, Paris, 11. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

Im „Advertiser“ in Adelaide wurde am 20. Februar eine Depesche vom Tag des Ereignisses zitiert. Da heißt es:

„Heute Morgen erschien in der Morgendämmerung wieder die Guillotine in Frankreich, nach einer Pause von mehr als drei Jahren, und die vier Männer, deren Todesurteil von Präsident Fallières am Samstag unterzeichnet worden war, wurden zur Hinrichtung geführt. Es war ein trüber Morgen, aber eine Menge von rund 30.000 Menschen hatte sich auf dem Platz vor dem Gefängnis, wo die Hinrichtung stattfand, versammelt. Das Gesetz schreibt für Frankreich öffentliche Hinrichtungen vor. Die ganze Nacht lang hatten sich die Menschen angesammelt. Um Mitternacht waren es 2.000 Beobachter auf dem Platz, und die Hauptstraße der Stadt wurde wie am Vorabend eines Festes überfüllt. Bald nach Mitternacht brachten Männer Leitern und Bänke auf den Platz und montierten sie, um einen freien Blick zu erhalten. Andere kletterten in die Zweige der Bäume, wo ihre Anwesenheit zwischen den Zweigen von der Glut der Zigaretten und Pfeifen in der Dunkelheit aufgedeckt wurde.

Im Laufe der Stunden hatte die Menge stetig zugenommen. Züge hatten Zuschauer hergeführt, aus allen großen Städten in der Nachbarschaft und sogar aus Paris. Die Hotels waren überfüllt, und in den Cafés verbrachten die Menschen die Nacht, um zu trinken und die Heldentaten der vier verurteilten Männer, der Anführer der ‚Banditen des Nordens’, zu diskutieren. Um 4 Uhr in der Früh bauten Deibler, der Scharfrichter, und seine vier Assistenten auf dem verabredeten Ort die Guillotine auf. Die Truppen hatten Probleme mit dem Zurückhalten der Menge, die das Instrument aus der Nähe untersuchen wollte. Zur gleichen Zeit wussten die vier Verurteilten, Abel Pollet und seine drei Komplizen, Auguste Pollet (sein Bruder), Canut Vromant und Théophile Deroo, noch nichts von ihrem nahenden Ende. Jeden der Männer hatte man für drei Morde schuldig befunden. Abel Pollet hatte von sich aus die Teilnahme an nicht weniger als 250 Straftaten, darunter mehrerer Morde, gestanden. Seine Komplizen, nach ihren Bekenntnissen zu urteilen, waren ihm als Verbrecher unterlegen.

Hinrichtung der Banditen von Hazebrouck, in Sichtweite zum Eingang des Gefängnisses von Béthune, 11. Januar 1909. Die Körper von Deroo und Vromant sind bereits im Korb. Auguste Pollet, der Dritte, der exekutiert werden soll, tritt an die „Witwe“ heran. Wenig später wird auch sein Bruder Abel folgen. Titelseite von „L’Illustration“, Nr. 3438 vom 16. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

Hinrichtung der Banditen von Hazebrouck, in Sichtweite zum Eingang des Gefängnisses von Béthune, 11. Januar 1909. Die Körper von Deroo und Vromant sind bereits im Korb. Auguste Pollet, der Dritte, der exekutiert werden soll, tritt an die „Witwe“ heran. Wenig später wird auch sein Bruder Abel folgen. Titelseite von „L’Illustration“, Nr. 3438 vom 16. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

Um 25 Minuten vor 6 betrat der Staatsanwalt die Zellen der verurteilten Männer und sagte ihnen in der traditionellen Formel: ‚Ich bedauere, Ihnen mitteilen zu müssen, dass der Präsident der Republik Ihr Gnadengesuch abgelehnt hat. Sie haben sich auf die extreme Strafe vorzubereiten. Haben Sie Mut.’ ‚Mut habe ich immer gehabt’, antwortete Abel Pollet. Er und sein Bruder nahmen die Fürsorge eines Priesters, nachdem ihre beiden Kameraden zuvor religiösen Trost empfangen hatten. Beim Abschied von dem Priester, der Abel Pollet begleitet hatte, dankte ihm Pollet und bat ihn, sich seiner Frau und Kinder anzunehmen. ‚Wenn ich auf den Rat meiner Frau gehört hatte’, sagte er. ‚Ich sollte nicht hier sein.’ Dies war im Übrigen der einzige Hinweis der Reue, den er zeigte. Der Gefängnis-Barbier wurde dann gerufen, und auf Deiblers Anweisungen hin rasierte er den Gefangenen die Hälse und riss ihre Kragen auf. Auf Canut Vromants herzliche Bitte hin wurde ihm ein großes Glas Schnaps gegeben, aber im Großen und Ganzen behielten alle vier Männer ihren Mut.“

Laut „Le Figaro“ vom 12. Januar 1909 betraten am besagten Morgen die Herren Félix Trépont, Präfekt von Pas-de-Calais, Pierre Génébrier, Unterpräfekt von Béthune, Louis de Manoël-Saumane, Generalstaatsanwalt, der Staatsanwalt, der Richter, Martial Bar, in Béthune lebender Deputierter, Jules Sénis, Bürgermeister von Béthune, und einige Juristen das Gefängnis. Der Polizeihauptmann schob die Journalisten um die 20 Meter weiter und stellte eine dritte Kavallerie-Einheit auf. Es regnete noch immer. Draußen schrie jetzt die Menge: „Vengeance! Vengeance!“ (Rache! Rache!)

La Guillotine: „Deibler coupe“ (Deibler köpft). Digitale Sammlung Blazek

La Guillotine: „Deibler coupe“ (Deibler köpft). Digitale Sammlung Blazek

Als der erste Räuber, Théophile Deroo, um 7.24 Uhr das Podest betrat, „war es eine schmerzhafte Stille, und dann ein Ausbruch von Johlen und Flüchen aus der Menge“. Der erschlaffte und für einen Moment zögernde Deroo musste inmitten des Spotts nach vorn und mit dem Gesicht nach unten auf das Brett der Guillotine geschubst werden. „Tötet ihn! Tötet ihn!“, riefen die Menschen.

Anatole Deibler löste das Fallschwert, es war ein Blitz, das Geräusch einer plötzlichen Erschütterung, und alles war vorbei. Der Kopf fiel in einen Korb vor dem Messer, während der Rumpf hastig in einen anderen Korb an der Seite geschleudert wurde. Das Blut spritzte durch die Gegend, und der Scharfrichter hatte seine Mühe, mit dem Schwamm dem Malheur entgegenzutreten. In der gleichen Zeit eilten seine Gehilfen ins Gefängnis, um der Reihe nach die nächsten Todgeweihten zu holen.

Die Guillotine, in Frankreich damals als „la Veuve“ (Witwe) und „Bois de justice“ (Gerechtigkeitsholz) bezeichnet, war auf der Place Lamartine, etwa 150 Meter vom Gefängnis von Béthune entfernt, aufgestellt, sie war zwei Tage zuvor, am Samstagabend, 9. Januar, mit dem Express-Zug 3803 vom Bahnhof von La Chapelle aus versandt. Am nächsten Morgen war sie um 6.05 Uhr eingetroffen. Sie war bis zuletzt mit einer großen Plane abgedeckt, um der Neugier der Öffentlichkeit zu entgehen. Scharfrichter Deibler war nach Informationen des „L’Indépendant“ vom 11. Januar 1909 („M. Deibler à Béthune“) mit seinen Gehilfen am 10. Januar um 10.56 Uhr mit dem Nachtzug von Paris eingetroffen. Er wurde am Bahnhof wie ein Befreier empfangen.

In den acht Minuten nach der ersten Guillotinierung schrubbten die Henkersknechte dreimal eifrig das Gerät sauber, während Wachen (so die „Times“) „die Menge mit großer Anstrengung zurückhielten“. Einer der Gehilfen war übrigens Jules-Henri Desfourneau (1877-1951), der 1908 von Deibler als Assistent zweiter Klasse angestellt worden war und der 1939 dessen Nachfolger als „Exécuteur en chef des arrêts criminels de la République“, als oberster Scharfrichter der Französischen Republik, werden sollte.

In Ermangelung gesetzlicher Regelung und effektiver Durchsetzung gelang es einem Pathé-Actualité-Kameramann, die vierfache Hinrichtung von Béthune zu filmen. Die ersten Zensurmaßnahmen gegen eine Wochenschau wurden allerdings noch im gleichen Jahr 1909 ergriffen, als diese Hinrichtungen zeigte. Die Streifen der Wochenschau blieben aber der Exporterlaubnis unterworfen. Mittlerweile sind die Filmaufnahmen, wie dort verlautet, in den Pathé-Archiven nicht mehr aufzufinden.

Canut Vromant folgte nach dem ersten Delinquenten und zeigte sich kühl. In seinem blassen Gesicht flatterten allerdings die Lippen in einem nervösen Zittern. Es schien, als wollte er sprechen, aber die Kraft und die Energie schienen zu fehlen, um der Stimme freien Lauf zu lassen.

Auguste Pollet war der Dritte, er wirkte blass, gab sich aber kühn, kämpfend und schreiend. Sein Wunsch, den Bruder noch einmal zu umarmen, wurde ihm verwehrt. Im Mund hatte er noch den Rest seiner Zigarette, die er während der Morgentoilette zu rauchen begonnen hatte. Sein jüngerer Bruder, der Anführer Abel Pollet, betrat abschließend und vom Publikum bereits heiß ersehnt unter einem Reigen von Flüchen die Blutbühne. Die Ausrufe „Le voilà, le voilà! C’est lui! A mort! A mort!“ (Da ist er! Da ist er! Er ist es! Tötet ihn! Tötet ihn!) beantwortete er mit den Worten: „Nieder mit den Pfaffen! Es lebe die Republik!“

Am Ende soll Anatole Deibler, der soeben seine 118. bis 121. Exekution geleitet hatte, nach Informationen des „Wanganui Chronicle“ vom 12. März 1909 den bekannten Spruch geäußert haben: „Gerechtigkeit ist getan.“ Die Vierfachhinrichtung hatte acht Minuten, von 7.24 Uhr bis 7.32 Uhr, gedauert.

„War das die neue demokratische Erziehung?“, fragte „L’Humanité“ sarkastisch und schloss, die Todesstrafe sei barbarisch und unnütz, aber man wolle sich jetzt wiederum um jene Opfer kümmern, die gänzlich unschuldig unter der aktuellen Gesellschaftsordnung zu leiden hätten.

Die „Deutsche Juristen-Zeitung“ berichtete noch im gleichen Jahr über die Vorkommnisse in Béthune (1909 Nr. 3, S. 192), der „Rosenheimer Anzeiger“ war bereits am 13. Januar 1909 auf dem neuesten Stand.

Bereits am gleichen Tag berichtete „L’Aurore“ in Paris ausführlich. Dabei wurden noch einmal alle Verbrechen zur Sprache gebracht, aber auch der traurige Akt minutiös dargestellt.

Anatole Deibler notierte in seinen „Carnets d’exécutions“ chronologisch alle Verbrechen der von ihm hingerichteten Menschen. Er verzeichnete auch die Hintergründe zur jüngsten Exekution, die er der Tagespresse entnehmen konnte, wie beispielsweise „Cherbourg-Éclair“ vom 11. Januar und „L’Echo du Finistère“ vom 16. Januar 1909. Über die Hinrichtung selbst notierte er: „Exécutés à Béthune / Le 11 janvier 1909 lundi / Les nommés Deroo Théophile – Vromant-Canut – Pollet Auguste – Pollet Abel, condamnés par la Cour d’Assises du Pas-de-Calais le 26 juin 1908, pour avoir commis une série de crimes et vols dans la région du Nord. / Tous (sic!) les quatres étaient les principaux membres de la bande de malfaiteurs dénommés ‚Les bandits d’Hazebrouck’.“

Nach der Hinrichtung wurden die Leichname, von Gendarmen begleitet, zum kleinen Friedhof, ein paar hundert Meter vom Gefängnis entfernt, wo bereits Gräber ausgehoben worden waren, transportiert. Der auf den Leichenwagen („Corbillard“) geladene quaderförmige Korb war nicht dafür ausgelegt, zwei Leichname aufzunehmen; so blieb der Deckel bei der Fahrt unverschlossen, und die Leiche von Abel Pollet ragte heraus. Es folgte eine Scheinbestattung, die nach der offiziellen Version dank der Unterstützung einer gemeinnützigen Körperschaft der Stadt namens „Die Gemeinnützigen Béthuner“ unterstützt wurde.

Anschließend wurden die Köpfe und die Leichname, deren noch gefesselte Arme schwarz befleckt zu sein schienen, „in flottem Trab“ über die Nebenstraßen zum Krankenhaus gebracht, wo an den Körpern eine Autopsie und eine physiologische Untersuchung ihrer Organe vorgenommen werden sollte.

Die Köpfe von Abel und Auguste Pollet sowie Vromant und Deroo (von links), etwa eine viertel Stunde nach der Hinrichtung. Die Köpfe der Hingerichteten sind so eng nebeneinander platziert, wie es anatomisch unmöglich wäre, besäßen sie noch einen Körper. Alster Kershaw, Die Guillotine, Hamburg 1959; ebenso Gerould Daniel, Guillotine: Its legend and lore, Blast Books, New York 1992. Digitale Sammlung Blazek

Die Köpfe von Abel und Auguste Pollet sowie Vromant und Deroo (von links), etwa eine viertel Stunde nach der Hinrichtung. Die Köpfe der Hingerichteten sind so eng nebeneinander platziert, wie es anatomisch unmöglich wäre, besäßen sie noch einen Körper. Alster Kershaw, Die Guillotine, Hamburg 1959; ebenso Gerould Daniel, Guillotine: Its legend and lore, Blast Books, New York 1992. Digitale Sammlung Blazek

Vromant-Deroo-1909

 

 

 

 

 

Dort wurde zunächst eine oberflächliche Prüfung von den Medizinern Charles Debierre, Professor für Anatomie an der medizinischen Fakultät von Lille, Jules Patoir, Professor für Rechtsmedizin daselbst, und den Ärzten Édouard Laguesse (Lille), Ferdinand Curtis, Potel, Chef der chirurgischen Klinik, und Looten vorgenommen.

Autopsiefoto des guillotinierten Kriminellen Canute Vromant, 1909. Digitale Sammlung Blazek

Autopsiefoto des guillotinierten Kriminellen Canut Vromant, 1909. Digitale Sammlung Blazek

Neue Zürcher Zeitung und schweiz. Handelsblatt vom 11. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

Neue Zürcher Zeitung und schweiz. Handelsblatt vom 11. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

Es war das letzte Kapitel dieses Kriminalfalls, Mörder und Ermordete fanden am Ende fast immer ihren Platz auf den pathologischen Untersuchungstischen.

Carnets d’exécutions. Digitale Sammlung Blazek

Notizen Deiblers über seine Arbeit in Béthune. Carnets d’exécutions. Digitale Sammlung Blazek

Die „Chauffeurs de la Drôme“, die von 1905 bis 1908 ihr Unwesen trieben und insbesondere dafür berüchtigt waren, Entführungsopfer mit Feuer und Glut gequält zu haben, damit diese die Orte ihrer Ersparnisse preisgaben, wurden durch die neu aufgestellten „Brigades du Tigre“ festgesetzt, vom Assisenhof des Drôme-Departements am 10. Juli 1909 zum Tode verurteilt und am Morgen des 22. September 1909 gegenüber dem Hauptportal des Gefängnisses von Valence ebenfalls mittels Guillotine vom Leben zum Tode gebracht.

Ein Mitglied der Pollet-Bande befand sich übrigens noch lange auf freiem Fuß: Camiel „Lapar“ Guyard. Er wurde erst 1934 verhaftet und zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt. Lapar war durch einen Sprung von der Rückseite der Polizeistation ins Wasser entkommen.

Un mois chez Monsieur de Paris Anatole Deibler exécuteur des hautes œuvres, Ce soir, 18. April 1935. Digitale Sammlung Blazek

Un mois chez Monsieur de Paris Anatole Deibler exécuteur des hautes œuvres, Ce soir, 18. April 1935. Digitale Sammlung Blazek

Anatole Deibler, gewiss einer der namhaftesten Scharfrichter Frankreichs, amtierte noch bis zu seinem Tod im Jahr 1939. 395 Hinrichtungen hat er im Laufe seines Lebens begleitet, davon 299 in leitender Funktion. Auf dem Weg zu einer für den 3. Februar 1939 in Rennes geplanten Hinrichtung betrat Deibler am Morgen des 2. Februar die Métro-Station Port de Saint-Cloud in Paris, von wo aus er zum Gare Montparnasse weiterfahren wollte, wo seine Assistenten auf ihn warteten, um den Zug nach Rennes zu nehmen. Dort erlitt er einen Herzinfarkt und starb kurz darauf in einem Krankenhaus. Die Hinrichtung in Rennes wurde um einen Tag verschoben und von Desfourneaux ausgeführt, der am 17. April 1909 Georgette Rogis, eine Nichte von Deiblers Ehefrau Rosalie, geheiratet hatte und auch Deiblers Nachfolger wurde.

Deiblers insgesamt 14 Tagebücher, die nach seinem Tode im Familienbesitz verblieben waren, wurden im Februar 2003 für 100.249 Euro versteigert. In seinen Büchern bedauerte er die von Präsident Albert Lebrun am 24. Dezember 1934 ausgesprochene Begnadigung der jungen Violette Nozières, „dieser jungen Teufelin, dieser Miserablen“, zu lebenslanger Zuchthausstrafe.

 

Quellen:

Dossier de procédures, audience du 16 au 26 juin 1908, affaire Pollet et autres, Archives départementales du Pas-de-Calais, 2 U 164 bis 177.

Manuel de Kastre: „Sur les traces sanglantes de la bande Pollet“, Plein nord, avril 1989. Archives départementales du Pas-de-Calais, PC 360/16.

Paul Gosselin: „L’affaire Pollet racontée par l’Écho de la Lys. L’information sur les affaires criminelles au début du XXe siècle. Les relations de la politique avec l’information au début du XXe siècle“, Chroniques villageoises, association locale pour l’histoire de l’Artois, avril 1993. Archives départementales du Pas-de-Calais, PC 1003/1.

Bernard Schaeffer: Les grandes affaires criminelles du Pas-de-Calais, éditions de Borée, 2008. Archives départementales du Pas-de-Calais, BHB 7331.

Archives d’anthropologie criminelle, de médecine légale et de psychologie normale et pathologique, A. Rey & Cie. imprimeurs-éditeurs, Lyon 1909, S. 192, 471-477.

Carnets d’exécutions, 1885-1939, Anatole Deibler, présentés et annotés par Gérard A. Jaeger, Éditions L’Archipel, Paris 2004.

T. Van Keyveldt: De bende Pollet, Callewaert – De Meulenaere, 1909.

Hans Van Hoorenbeek (d. i. Abraham Hans): Jan De Lichte en zijn zwarte Rooverbende gevolgd door Abel Pollet en de Bende van Hazebroek, Vlaamsche Boekhandel, Antwerpen 1909.

Zeitungsartikel: L’Aurore, Paris, 11. Januar 1909 (Titelseite); Léon Rémy, „Honte nationale“, L’Humanité, 11. Januar 1909; Gustave Rouanet, „Autour de la Guillotine“, L’Humanité, 12. Januar 1909; Alexandre-Marie Derousscaux, genannt Bracke, „Autour de la Guillotine“, L’Humanité, 15. Januar 1909; A. Viollette, „Quatre bandits executés“, Le Gaulois, 12. Januar 1909; A. Thomas, „Meurtre légal“, L’Humanité, 12. Januar 1909.

 

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