Dekan Veil bescheinigt ihm 1945 eine vorzügliche Qualität seines Charakters

Dr. med. Otto Hübner war Pathologe am Institut für Gerichtliche Medizin in Jena und gründete danach ein eigenes pathologisches Institut in Celle. Im 1937 errichteten Konzentrationslager (KZ) Buchenwald hat er ab 1943 tageweise Sektionen durchgeführt.

Von Matthias Blazek

Genauere Auskünfte über den Sektionsbetrieb im KZ Buchenwald hätte 1945 der ehemalige Assistent am Pathologischen Institut Otto Hübner geben können. Hier fehlt die Aufarbeitung durch die Jenaer Medizinische Fakultät. Drei Tage vor einem Bericht des neuen Dekans der Medizinischen Fakultät, Dr. Wolfgang Veil (1884-1946), an die Kriminalpolizei vom 31. Juli 1945 stellte dieser dem ehemaligen SS-Angehörigen Hübner eine Bescheinigung aus, in der auf die „vorzügliche Qualität“ seines Charakters verwiesen wurde. Der Dienst in der SS war nach Ansicht Veils für diesen „(…) lediglich Verpflichtung und keinerlei Rechtsanmaßung, keinerlei Ansporn zur Verächtlichmachung irgendwelcher menschlichen Institutionen oder eines menschlichen Wesens“. Auch habe Hübner „wohl in der SS lediglich Gesundheitsuntersuchungen vorgenommen …“. [1]

Otto Hübner war SS-Standortarzt in Jena und SS-Untersturmführer. Nach Ernst Klee ist Hübner am 10. Mai 1909 in Sachsen (Calbe) geboren. [2] In einer Beurteilung des SS-Abschnittes XXVII vom 31. Mai 1940 wurde Hübner als ein „fanatischer Nationalsozialist, der auch nach nationalsozialistischen Grundsätzen lebt“, beschrieben. [3]

Dass die Tätigkeit des SS-Angehörigen Hübner und SS-Standortarztes Hübner (SS-Nr. 244824), der nach 1945 angab, nur „förderndes Mitglied“ der SS gewesen zu sein, sich nicht nur auf Gesundheitsuntersuchungen beschränkt hatte, dürfte außer Zweifel stehen. Das geht aus einer von ihm am 26. Februar 1941 erstellten Übersicht über auswärtige Sektionen hervor. Diese zeigt, dass allein von 1938 bis 1940 insgesamt 124 Sektionen durch Ärzte des Jenaer Pathologischen Institutes für die Waffen-SS durchgeführt wurden. [4] Dass sich Hübner als Pathologe im KZ Buchenwald besonders engagierte, belegen auch Aussagen der ehemaligen Häftlinge Ernst Busse und Walter Poller. [5]

Hübner war bis Kriegsende als Allgemeinpathologe im Pathologischen Institut der Universität Jena tätig. Er wurde vermutlich nach 1945 nicht durch Mitglieder der Medizinischen Fakultät über seine Tätigkeit im KZ Buchenwald befragt. [6]

Im September 1945 eröffnete ihm sein Kollege Dr. Harry Güthert (1912-1989) vom Pathologischen Institut im Auftrage des Kurators der Universität, dass durch freiwilliges Ausscheiden aus dem Dienst von einer Überprüfung der politischen Vergangenheit abgesehen werde. [7]

Hübner befolgte den Rat, verließ die Universität und übernahm zum 1. Oktober 1945 die Leitung der Pathologischen Abteilung (Prosektur) der Städtischen Krankenanstalten Erfurt. Nach dem Bekanntwerden belastender Momente erfolgte jedoch bereits nach einem Monat seine Entlassung und eine vorübergehende Inhaftierung durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD). Hübner verließ Erfurt bereits Anfang November 1945. [8]

Er wechselte zum Ausweichquartier des Kaiser-Wilhelm-Instituts (KWI) in Dillenburg (Neuropathologische Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung, „Villa Grün“), um als Gehilfe des Hirnforschers Prof. Dr. h. c. Julius Hallervorden (1882-1965), dem Senior der deutschen Neuropathologen, zu arbeiten. Nach Beendigung seiner Tätigkeit in Dillenburg gründete Hübner später in Celle ein eigenes pathologisches Institut. [9]

Dr. Heinrich „Heinz“ Nierhoff (1922-2007), der an der Hannoverschen Straße 10 in Celle eine Kinderarztpraxis mit einer Röntgenabteilung hatte (das war 1850 das erste Celler Kinderhospital), beschrieb mit Otto Hübner 1956 in der Zeitschrift für Kinderheilkunde, Band 78, eine „familiäre systemisierte enchondrale Dysostose bei 3 Geschwistern“; beide waren Namensgeber für ein klinisches Syndrom namens „Nierhoff-Hübner’ Syndrom“ (welches aber inzwischen einen anderen Namen bekommen hat). Heinz Nierhoff hatte die Patienten, und Otto Hübner hatte nur noch einen Pinselstrich ansetzen müssen. „Mein Mann hatte immer sehr hochachtungsvoll von ihm gesprochen“, erinnert sich Nierhoffs Frau, die noch in dem Haus gegenüber dem Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium wohnt. Noch 1959 wird Otto Hübner als Leiter des „Pathologischen Instituts am Allgemeinen Krankenhaus Celle“, Wittingerstr. 22, angegeben.

Aus der Prosektur am Allgemeinen Krankenhaus in Celle
[Prosektor: Dr. Otto Hübner]
und der Neuropathologischen Abteilung des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Gießen [Prof. Dr. Hallervorden].)

(Quelle: Zentralblatt für allgemeine Pathologie und pathologische Anatomie, Band 94, 1956, S. 461)

In den Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Pathologie, Band 59-64 (1975-1980), wird Otto Hübner wie folgt in der Namenliste aufgeführt:

HÜBNER, OTTO, Facharzt für Pathologie, Postfach 432, Mauernstraße 22/23, 3100 Celle

Anmerkungen

[1] Universitätsarchiv Jena, Best. D 1349, Personalakte Otto Hübner, Schreiben Veils vom 31.7.1945.
[2] Klee, Ernst, Deutsche Medizin im Dritten Reich – Karrieren vor und nach 1945, Frankfurt/Main 2001, S. 235. Klee gibt in „Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer“ (Frankfurt/Main 1997, S. 236) für Otto Hübner an: „Hübner, Stabsarzt, Seenotdienstführer 2 Süd.“
[3] Zimmermann, Susanne, Die Medizinische Fakultät der Universität Jena während der Zeit des Nationalsozialismus, Berlin 2000, S. 178, mit Bezugnahme auf: Universitätsarchiv Jena, Best. D 1349, Personalakte Otto Hübner. Das Internationale Lagerkomitee Buchenwald nennt in seinem Bericht KL Bu (1945) auf S. 81 „SS-Untersturmführer Dr. Hübner vom Pathologischen Institut der Universität Jena“.
[4] Universitätsarchiv Jena, Best. BA 2092, Übersicht über auswärtige Sektionen, erstellt von Dr. Otto Hübner am 20.2.1941. Vgl. Meinel, Christoph; Voswinckel, Peter (Hrsg.), Medizin, Naturwissenschaft, Technik und Nationalsozialismus – Kontinuitäten und Diskontinuitäten, Stuttgart 1994, S. 58.
[5] Zimmermann, wie Anm. 3, S. 178.
[6] Herber, Friedrich, Gerichtsmedizin unterm Hakenkreuz, Leipzig 2002, S. 255.
[7] Elsner, Peter; Zwiener, Ulrich, Medizin im Nationalsozialismus am Beispiel der Dermatologie, 2002, S. 20; Uwe Hossfeld: „Im Dienst an Volk und Vaterland“ – Die Jenaer Universität in der NS-Zeit, Köln/Weimar/Wien 2005, S. 153.
[8] Beiträge zur Geschichte der Universität Erfurt (1392-1816), Ausgaben 10-13, S. 154.
[9] Koch, Gerhard, Humangenetik und Neuro-Psychiatrie in meiner Zeit (1932-1978), Erlangen/Jena 1993, S. 219.

Literatur

Hans-Henning Scharsach: Die Ärzte der Nazis, Wien 2000, vor allem S. 210
David A. Hackett (Hrsg.): Der Buchenwald-Report – Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, München 2002, vor allem S. 243
Werner Scherf: Die Verbrechen der SS-Ärzte im KZ Buchenwald – der antifaschistische Widerstand im Häftlingskrankenbau, 2. Beitrag: Juristische Probleme, Dissertation, Berlin 1987

Weblinks

Heinz Nierhoff und Otto Hübner: „Familiäre systemisierte enchondrale Dysostose bei 3 Geschwistern“, Zeitschrift für Kinderheilkunde, Bd. 78, S. 497-521 (1956)
„Wir danken Herrn Dr. OTTO HÜBNER, Leiter des Pathologischen Instituts in Celle, für die freundliche Überlassung des Gehirns und des Sektionsbefundes.“ (Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde, Fußnote, Band 177/Mai 1958, S. 237)

 

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