Scharfrichter der Jahre 19431945

Wilhelm Röttger (1894–1946) war Scharfrichter in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus. Er war von 1942 bis 1945 Scharfrichter in der Strafanstalt Plötzensee.

Von Matthias Blazek

In der Zeit von Adolf Hitlers Diktatur waren zwischen 1933 und 1945 schätzungsweise 16.500 Todesurteile vollstreckt worden, davon 11.881 allein von den drei Scharfrichtern Johann Reichhart (München), Ernst Reindel (Magdeburg) und Wilhelm Röttger (Berlin). Röttger vollzog sogar doppelt so viele Hinrichtungen wie Reindel und Reichhart zusammen. [1]

Einen Anhaltspunkt geben die Listen, die die drei Scharfrichter Friedrich Hehr (Hannover), Ernst Reindel und Wilhelm Röttger führten, auf denen sie die Zahl der täglichen von ihnen vorgenommenen Hinrichtungen notierten und monatsweise addierten. [2]

Zwischen 1933 und 1945 wurden in der Berliner Haftanstalt über 2.500 Menschen hingerichtet. Wilhelm Friedrich „Willi“ Röttger, ein Pferdemetzger und Fuhrunternehmer aus Moabit, hatte von 1942 bis 1945 zentrale Hinrichtungsstätten in Berlin-Plötzensee und Zuchthaus Brandenburg-Görden zu betreuen. Er erhängte und köpfte und vollzog mit seinen drei Gehilfen [3] von allen Scharfrichtern des Dritten Reichs mit großem Abstand die meisten Hinrichtungen. „Er schlich mehr als er ging“, wird über ihn berichtet, auch dass er „ein großer, starker Mann“ gewesen sei. In einem Interview hat der Henker, der den Krieg und die Flucht Richtung Westzone heil überstand, später erläutert, was das hieß: „Den Verurteilten wurde die Schlinge um den Hals gelegt, dann wurden sie hochgehoben. Dann habe ich die Schlinge, wie man einen Rock aufhängt, an einem Haken befestigt.“ [4]

Der freischaffende Henker Röttger vollzog die Hinrichtungen in der Strafanstalt Plötzensee für ein Jahresfixum von 3000 Reichsmark plus 30 Mark Kopfprämie. So hat er in der siebten Septembernacht des Jahres 1943, um die Zahl der zum Tode Verurteilten „weisungsgemäß schnell zu reduzieren“, insgesamt 5580 Mark verdient, für 186 „Vollstreckungen“. „Ich erinnere mich an keinen, der geweint hat, geschrieen oder sich gewehrt“, erzählte der evangelische Pfarrer Hermann Schrader, der damals ein Dutzend Mal dabei sein musste. [5]

Im September 1943 wurden insgesamt 324 Personen durch Scharfrichter Röttger hingerichtet. [6]

Willi Röttger, „der Henker mit der speckigen Joppe“ [7], wohnte an der Waldstraße in Moabit und hatte nebenbei ein großes Fuhrgeschäft. Er wirkte im Umgang wie ein „besserer Herr“, galt als „wohlhabender Mann“. Sonst stammten die Scharfrichter gewöhnlich aus dem Fleischerhandwerk. [8] Röttger soll zudem „für seinen Schalk berüchtigt“ gewesen sein. [9] Er „sprach von seiner Arbeit gern als einer Mission, die er den Aufgaben des Geistlichen gleichstellte“. [10] Gebürtig stammte er aus Hannover, wo er 1894 das Licht der Welt erblickte. Im Ersten Weltkrieg diente er im Kesselraum eines Schlachtschiffs, danach arbeitete er als Automechaniker, als Leichenträger in einem Bestattungsunternehmen und als Scharfrichter-Gehilfe.

Im Zusammenhang mit der von Wilhelm Röttger am 8. November 1944 vollzogenen Hinrichtung an dem Jurist und Widerstandskämpfer Peter Graf Yorck von Wartenburg (1904–1944) verlautet in „Film und Fernsehen“, Ausgabe 5/1983 (Seite 8):

Solange es mir gut geht, lebe ich richtig (!), hieß der Lieblingssatz von Fritz Röttger. Und es ging ihm gut. Er war wohlhabend. Seine Fuhrunternehmen für den Zentral-Vieh- und Schlachthof florierten auf einer soliden Geschäftsbasis. Er hatte dort auch eine Menge Freunde. Daß ab und zu ein ordentliches Stück Fleisch in der Langhansstraße hundertdreiundvierzig ging, versteht sich. (…) Das Gefängnis gegenüber dem Westhafen, sozusagen zum Tor der Welt. Aber so weit war er noch nicht, der Fuhrunternehmer Röttger. Mit dem Anziehen, Rasieren, Frühstücken. Aus dem Hinterhof klang Kindergeschrei. Nicht seine Kinder, die genossen mit der Mutter ihre Schulferien bei Oma in Bernau. Er liebte seine Familie. Der schönste Tag im Jahr war für ihn der Heilige Abend. Im Kreis der Familie, unterm Lichterbaum. Leise spielt das Grammophon „Süßer die Glocken nie klingen". Da konnte es schon passieren, daß dem großen, starken Mann ein, zwei Tränen in den Bart liefen.

Die Äußerung einer Nachbarin ist in „Der Spiegel“ 8/1979 auf Seite 101 dargelegt: ‚Ach, wissen Se, der Herr Röttger, das war ein großer, starker Mann’, sagt seine Nachbarin, die jetzt 84 Jahre alt ist. ‚Immer nett und anständig angezogen. Justizbeamter isser, hat er mir gesagt. Das ist ein großer Begriff, ein dehnbarer.’ Stimmt, Mutter Bonczek. (…) Die Richter kamen immer noch in roten und schwarzen Roben, nur Röttger trug keinen Cut mehr.“

Der britische Historiker Richard J. Evans wusste in seinem Standardwerk „Rituale der Vergeltung“ keine näheren Angaben über den Scharfrichter Röttger und sein Ende zu machen, lediglich: „Andere mögen bei Bombenangriffen oder allerletzten Gefechten ums Leben gekommen sein. Zumindest ein Scharfrichter, nämlich Willi Röttger, wäre für die deutschen Behörden kaum akzeptabel gewesen, da er im Gefängnis Plötzensee die Hinrichtung der Männer des 20. Juli durch den Strang vorgenommen hatte.“

1946 wurde der ehemalige „Henker von Berlin“ in einem Krankenhaus in Hannover entdeckt, wohin er sich geflüchtet hatte, weil dort nicht so streng gesucht wurde. Kurz nach seiner Verhaftung ist Röttger in einem Gefängnis in Hannover gestorben (13. September 1946). [11]

In den „Hannoverschen Neuesten Nachrichten“ vom 24. August 1946 erschien ein Artikel über Wilhelm Friedrich Röttger mit der Überschrift „Der Henker des 20. Juli“, in dem über die von ihm gewählte Form des Erhängens berichtet wird. [12]

Anmerkungen

[1] TANKRED KOCH, Geschichte der Henker – Scharfrichter-Schicksale aus acht Jahrhunderten, Heidelberg 1988/1991, S. 302.
[2] RUDOLF PECHEL, Deutscher Widerstand, 1947, S. 167.
[3] Darunter sollen die Moabiter Brüder Thomas gewesen sein, der eine Schmied, der andere Wirt der „Sängerklause“, so HANS HALTER, „An der Richtstätte kein Hitler-Gruß“, in: Der Spiegel 8/1979 vom 19.02.1979, S. 100 f. Diese Angaben werden dadurch bestätigt, dass Röttger am 8. Oktober 1942 in Berlin in Gegenwart des Ersten Staatsanwalts Nöbel die Vollstreckung des Todesurteils an einem Juden wegen „versuchter landesverräterischer Waffenhilfe“ vornahm und das Protokoll als seine Gehilfen die Brüder Arnold Thomas, Richard Thomas und eine Person namens Hehnen nennt. (WOLFGANG FORM/WOLFGANG NEUGEBAUER/THEO SCHILLER, NS-Justiz und politische Verfolgung in Österreich 1938-1945, Analysen zu den Verfahren vor dem Volksgerichtshof und dem Oberlandesgericht Wien, München 2006, S. 326.) Bei den Hinrichtungen in der Strafanstalt Plötzensee waren nach den Erinnerungen des Gefängnispfarrers Harald Poelchau zugegen (außer dem Seelsorger selbst): der Aufseher Schwarz, Scharfrichter Röttger, sein Gehilfe Alfred Roselieb (1891-1969) – ein Kutscher und Bestattungshelfer aus Halle (Saale), der 1944 selbst Scharfrichter wurde und sich 1945 nach Hannover absetzte – und ein alter Gefängnisschuster, dessen Aufgabe es war, den Delinquenten vor der Hinrichtung die Hände zu binden und den Frauen die Haare kurz zu schneiden.
[4] Ebenda.
[5] Ebenda.
[6] PETĂR STOJANOV, Reichstagsbrand – Die Prozesse in London und Leipzig, Wien u. a. 1966, S. 320.
[7] Peter Weiss Jahrbuch für Literatur, Kunst und Politik im 20. Jahrhundert (PWJ), Band 2, Opladen 1993, S. 38.
[8] Aufbau, kulturpolitische Monatsschrift, hrsg. vom Kulturbund zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands, 5. Jahrgang, Heft 5, Berlin 1949, S. 28.
[9] PETER JOKOSTRA, Tuchfühlung, Hamburg 1965, S. 22.
[10] ACHIM KESSLER, „Schafft die Einheit!“ – Die Figurenkonstellation in der Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss, Berlin 1997, S. 65.
[11] MAX FRENZEL/WILHELM THIELE/ARTUR MANNBAR, Gesprengte Fesseln – Ein Bericht über den antifaschistischen Widerstand und die Geschichte der illegalen Parteiorganisation der KPD im Zuchthaus, Berlin 1976, S. 97, das Todesdatum aus: MANFRED OVERESCH, Das besetzte Deutschland 1948-1949, Augsburg 1992, S. 812.
[12] PETER HOFFMANN, Widerstand, Staatsstreich, Attentat – Der Kampf der Opposition gegen Hitler, München 1979, S. 873.

Literatur

Harald Poelchau: Die letzten Stunden. Erinnerungen eines Gefängnispfarrers, Berlin 1949
Irene Stuiber: Hingerichtet in München-Stadelheim, Books on Demand, Landeshauptstadt München, Kulturreferat, 2004
Thomas Waltenbacher: Zentrale Hinrichtungsstätten – Der Vollzug der Todesstrafe in Deutschland von 19371945, Scharfrichter im Dritten Reich, Berlin 2008
Verband der Film- und Fernsehschaffenden der Deutschen Demokratischen Republik: Film und Fernsehen, Ausgabe 5, Berlin 1983

Weblinks

Hans Halter: An der Richtstätte kein Hitler-Gruß, Der Spiegel 8/1979 v. 19.02.1979, S. 100 f.

 

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