Scharfrichter Saur zu Burgdorf beschwerte sich in Celle

Bewohner der Amtsvogtei Ilten buddelten ihr verendetes Vieh einfach ein

Mit dem neuen Jahrtausend ist für Deutschland auch das Zeitalter der Rinderseuche „BSE“ angetreten. Es erscheint schier unvorstellbar für heutige Verhältnisse, dass Nutzvieh in früheren Zeiten vielerorts eingebuddelt wurde. Flurbezeichnungen weisen heute mitunter auf solche Stellen hin.

Von Matthias Blazek

Es hätte bestimmt nicht für eine eigene Akte des Niedersächsischen Landesarchivs -Hauptstaatsarchiv Hannover- gereicht [1], wäre Jürgen Saur, Abdecker und Nachrichter wie auch Scharfrichter zu Burgdorf, [2] nicht zweimal in Celle vorstellig geworden, um sich über die Bewohner in der Amtsvogtei Ilten [3] zu beschweren. Diese hatten nämlich ihr gefallenes Vieh bei ihm nicht angemeldet.

Der Amtsvogt zu Ilten in den Freyen [4] war bereits mehrfach (27. Dezember 1649, 20. Juli 1650) darauf aufmerksam gemacht worden, dass „abgefallenes“ Vieh mitunter nach Hannover oder Peine gebracht wurde, wodurch Saur einen wesentlichen Einnahmeverlust zu verzeichnen hatte.

Zum Abfassen der Beschwerde kam Saur am 10. Mai 1654 nach Celle. Er wandte sich an „Denen HochEdlen, Gestrengen, Vesten, Großachtpahren vnd Hochgelahrten, Fürst. Br. Luneb. Hochansehnlichen Herrn Statthalter Cantzler vnd Rhätten. Meine sonders großgl. gepietenden und Hochgeehrten lieben Herren“. Aus heutiger Sicht erscheint es verwunderlich, mit welcher ehrfürchtigen und gebildeten wie auch fachlichen Ausdrucksweise der Amtschreiber dem Schreiben eine würdige, wenn auch schwer verständliche Form verpasste.

„E. HochEdl. Vest. Magnif. und Her. geruhen auß beykommenden Copeyen sub num 1 vor (: deren restitutionen vnterdienstl. bitten thue : ) sich hochgonstig zuerinnern, welcher gestald dem Ambtsvogte zu Ilten in den Freyen zu zweyen mahlen ernstlich anbefohlen worden, daß er die ihme untergebene Leutte dahin mit allem Ernst anhalten sollte, daß Sie das abgefallene Vieh nicht vergraben, weniger einem frembden, sondern mir allein anmelden sollten, Nun wollen aber dieselbe sothanes Fürstl. Mandatis allerdings nicht pariren, sonderlich die zu Anderten, Grepenberg, Rehtmar, Lüttken Lopke und Euerde, welche es mir niemahlß, sondern endweder nach Hannover oder Peine addreßirt, oder nach ihrem Belieben hinaußgeschleppet, wie den auch solches zu Ilten, Ahlten und Dolgen beweißlich geschehen, vnd weill nun in vier Jahren ich deßhalber großen Abgang meiner Nahrung leiden mußen und fast vnmuglich fallen thutt, die von vier Jahren betagte Pachtgelder, alß Jährlich 12 thllr, zuentrichten, Alß habe nicht vnterlaßen konnen, E. HochEdl. Gest. Magnif. und Her. vnterdienstl. zubitten, Sie wollen auß angeführter Vrsach [unleserliches Wort], daß ich der wiederwertigen Bauren halber vnterschiedliche Reiße thun, Supplicen verfertigen laßen und die erwehnte Fürstl. Befehlige außlaßen mußen, mir eines Jahrs Pachtgelder, alß 12 thllr Hochg. remittiren und sich deßhalber bey den Bauren erhohlen, die vbrige Pachtgelder aber, alß 36 thllr, habe anhero gebracht, dero festen Zuversicht, daß dieselbe von mir nunmehr angenommen werden mugen, vnd demnach ohn ein poenal Befehl die vorerwehnte frevelmuhtige contravenienten den vorhin ergangenen Fürstl. Mandatis nicht nachleben laßen werden, So bitte gleichfalß vnterdienstl. und hochfleißig, E. HochEdl. Gest. Magnif. und Her. Geruhen an den Ambtsvogt zu Ilten in den Freyen Mandatum arctius & qvidem poenale ergehen zulaßen, daß er seine Vnterthanen zur schuldigen parition und adimptirung der Hocherwehnten Fürstl. Verordnung mit allem Ernst antreiben muße,

Weill nun solches mein Suchen den heilsahmen Rechten und der Billigkeit gemäß, So thue mich hochgonstiger Erhorung vnterdienstl. getrosten, der ich nebenst getrewer Empfehlung Gott. gnadenreiche Obhutt

Bin und verbleibe
HochEdl. Gest. Magnif. u. Her.
Gehorsahmer Diener
M. Jurgen Saur, Nachrichter zu Burchtorff,
Zell den 10 May Anno 1654“

Die hohen Beamten in Celle reagierten. Sie schrieben dem Vogt zu Ilten unter demselben Datum:

Guter freund,

was der Nachrichter zu Burgdorff, Jürgen Saur, wieder Etliche benante Dorffschafften in der Euch anbefohlenen Vogtei, wegen Verfehlend abfall. und versterbung des Viehes, klagt und sucht, das meldet dero Amschluß mit mehrem,
Begehren drauff anstatt … vestlich. wir hiemitt, Ihr wollet den vorigen, vnd in sonderheit noch letzthin am 27. xbris 1649 wie auch 20. July 1650 an Euch ergangenen Verordnungen, vnfehlbarlich nachgehen, und darüber halten, damitt es weiteren anlauffs, und unnachbleiblichen einsehens, auff bescheinigte insinuation unvonnöhten haben möge

Darnach C vnd wir C Zell, den 10. May 1654. St C v R. [5]

Burgdorf im Atlas von MerianÜber Burgdorf ist aus der Zeit um 1650 zu berichten, dass der Wiederaufbau der Stadt nach dem Kriege mit einem regelrechten „Bauboom“ eingesetzt zu haben schien. Kaum waren aber damit die Wunden des Dreißigjährigen Krieges verheilt, wurde Burgdorf am 10. September 1658 von einem neuen Unglück betroffen: Es ereignete sich ein verheerender Stadtbrand, dem 113 Häuser zum Opfer fielen. 900 Menschen wurden ihrer Habe beraubt. [6]

Die Not der Zeit nach dem wohl verheerendsten aller Kriege auf deutschem Boden führte dazu, dass die oben erwähnten fürstlichen Verordnungen bereits nach kurzer Zeit erneut vernachlässigt wurden. Und sicherlich war dieser Umstand nicht auf den bösen Willen der Iltener zurückzuführen. Die Menschen waren zu jener Zeit in einer unverhältnismäßig schwierigen finanziellen Situation. Deutschland war verwüstet, Wölfe bedrängten die Bauern und ihr Vieh, die Menschen hatten grundherrliche Abgaben zu entrichten. Berücksichtigung muss ebenfalls finden, dass die betroffenen Orte, Ilten, Rethmar, Evern, Dolge, Gretenberg und Klein Lobke, heute allesamt Stadtteile von Sehnde, mitunter kürzere Wegstrecken nach Peine bzw. Hildesheim zurückzulegen hatten.

Fünf Jahre später war das Maß beim Nachrichter Saur wieder voll. Saur, der auf die Einnahmen aufgrund von Anmeldungen von verendetem Vieh in hohem Maße angewiesen war, um die Pachtgelder für die Abdeckerei [7] aufbringen zu können, wurde am 15. April 1659 in Celle vorstellig, um erneut eine Niederschrift anfertigen zu lassen.

Herzog Christian LudwigSaur äußerte sich konkret. Ihm war zu Ohren gekommen, dass die Bewohner des Dorfes Ilten Häute und Fleisch von „abgefallenem“ Vieh selbst verwendeten, indem sie diese an ihre Hunde verfütterten. „Absonderlich aber“ beschwerte sich Saur über die Dörfer Evern und Klein Lobke, welche sich zu Peine und Hildesheim anmeldeten, als auch das Dorf Gretenberg, welche drei Dörfer ihn noch keinmal angefordert hätten, obgleich sie alle zur Amtsvogtei Ilten gehörten. Saur bat, einen weiteren entsprechenden Befehl an den Amtsvogt zu Ilten ergehen zu lassen, dass abgefallenes Vieh bei ihm angemeldet werden sollte und ihm die Häute, die von den Hunden gefressen wurden, bezahlt werden sollten. Der Nachrichter adressierte seine Bittschrift: „Dem Durchleüchtigen Hochgebohrnen Fürsten vnd Herr, Herrn Christian Ludwig, Hertzogen zu Braunschweigk und Lüneburgk, [8] meinen Gnädigen Fürsten undt Herrn in unterthänigkeitt zu insinuiren [9]. p.“

Noch am gleichen Tag erfolgte der Erlass einer erneuten Aufforderung an den Amtsvogt zu Ilten: „Gueter Freundt, waß an den Durchleuchtigsten Unsern gnädigen Fürsten undt Herrn, der Nachrichter zu Burgktorff Mr. Jurgen Saur supplicanto underthänig gelangen lassen, undt in specie über die Eingesessenen der Dorffer Ilten, Evern, Lütken Lopke und Gretenberge, daß dieselbe ihm, wen ihnen ein stück vieh abfellet, solches nicht anmeldeten, sondern es eines theilß liegen ließen, andern theilß solches zu Peine und Hildesheimb anmeldeten, sich beschweret, und waß er danebenst suchet und bittet, daß vermeldet der beyschlus mit mehrem,

dieweill nun vorhochgedt. S. F. Drchl. über deroselben Verordnung und befehlig gehaltten haben wollen, Alß begehren an deroselben statt wir hiemit zuverleßig, ihr wollet denen beclagten Eingesessenen dieses vorhaltten und ernstlich verweisen, auch denselben bey einer nahmhafften straffe anbefehlen, daß Sie solchen ergangenen Befehlichen der gebür nachkommen, oder daß in entstehung dessen, und was sie eines widrigen überführet, ihnen die straffe abgelanget werden, gewertig sein, Daran p und wir p Dat. Zell den 15. April ao 1659

St. C. v R.“

* Der Aufsatz über die Vorgänge des Zeitraums 1654-59 wurde vom Autor am 12. Mai 2001 in der Celleschen Zeitung erstmals veröffentlicht (Sachsenspiegel 19).

Weitere Nachrichten über die Abdeckerei in Burgdorf erreichen uns erst wieder zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Am 18. Mai 1820 wurde für den Nachrichter Fuchs eine Konzession ausgestellt, die uns einen guten Einblick in Rechte und Pflichten dieses Amtes gewähren: [10]

Wir Georg der Vierte von Gottes Gnaden König des vereinigten Reichs Großbritannien und Irland pp. auch König von Hannover, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg pp.

Urkunden und bekennen hiemit, für Uns, Unsere Erben und Nachkommen an der Regierung, daß Wir auf unterthänigstes Anhalten des Nachrichters Christoph Melchior Fuchs zu Burgdorf demselben eine Interims-Concession zu der Nachrichtung und Abdeckerey in Unserm Amte Burgdorf und Unsern Amtsvoigteyen Burgwedel und Ilten auf die 6 Jahre vom 1sten May 1820 bis dahin 1826 in Gnaden verliehen haben; Thun dasselbe auch hiermit dergestalt und also, daß er die Nachrichterey und Abdeckerey in vorangeführtem Amte und den gedachten Amtsvoigteyen üblichermaßen nutzen und gebrauchen solle. Dagegen soll er schuldig und gehalten seyn

1. Wenn eine Execution oder Tortur vorfallen sollte, da er bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt seine Geschicklichkeit zu zeigen, alsdenn solche von einem geschickten, von Uns auf solche Vorfälle concessionirten, Nachrichter auf seine Kosten verrichten zu lassen, und nicht mehr als drey Mariengulden für jede zu exequirende Person zu erwarten haben; außerdem aber soll ihm anstatt Zehrung für seine Person für den Tag ein Rthlr. 2 ggl. 8 Pf. und für jeden bey sich habenden Knecht dreyzehn ggl. 4 Pf. Conv. Mz. von Unsern Rechnung führenden Beamten gegen Quitung gereichet werden.

2. Zur Recognition jährlich zu rechter Zeit a. an Unser Amt Burgdorf Eilf rthl. 2 ggl. 8 Pf., b. an Unser Amtsvogtey Burgwedel Fünf rthl. 13 ggl. 4 Pf., c. an Unser Amtsvoigtey Ilten Fünf rthl. 13 ggl. 4 Pf. in grober caßenmäßiger Conventions-Münze zu liefern, und abzutragen.

3. Das gefallene Vieh so oft ihm Ansage geschieht, ohne Verzug abholen, und nur an den bestimmten Orten abdecken zu lassen: auch jederzeit solche Leute und Pferde zu stellen, die der Arbeit gewachsen sind.

4. die abgedeckten Häute wo es hergebracht ist, um leidliche Belohnung auszuantworten, die Häute von dem erkrankten und geschlachteten Viehe jedoch nicht in Anspruch zu nehmen, in Ansehung des Abdeckerlohns sich nach der Taxe vom 28sten May 1768 zu richten, und darin, wie überhaupt, niemanden wieder die Gebühr und das Herkommen beschweren. Insonderheit aber

5. was bisher von der Abdeckerey an Unsere Aemter, Beamte und Amtsunterbediente gegeben worden, unweigerlich zu entrichten.

6. In dem, ihm von Uns verliehenen Districte zu wohnen, und die in demselben etwa belegenen Meistereien mit tüchtigen, dem Abdeckergeschäfte gewachsenen Leuten zu besetzen und dafür zu sorgen, daß solche nicht mit Schulden belästigt werden.

7. drey große englische oder andere zur Jagd brauchbare Hunde so oft sie ihm vom Oberjagd-Departement zugeschickt werden zu halten, und wenn Wolfsjagden in obgenannten Aemtern angestellet werden, die Luder zur Anlockung des Wildes, wohin man sie verlanget zu schaffen.

Wir befehlen demnach allen und jeden, insonderheit Unsern Beamten, gedachtem Nachrichter bey dieser Unserer Concession gegen Jedermann bis zu Uns zu schützen und zu vertreten, und Unsere Unterthanen anzuhalten, daß wenn ihnen Vieh weggefallen, sie solches dem Concessionato oder dessen Leuten gegen das von ihm zu erlegende hergebrachte Bothenlohn anzeigen und dasselbe nicht vergraben, in das Wasser tragen oder sonst abhanden bringen, auch niemandem außer ihm uns seinen Gevollmächtigten das Abdecken verstatten, und ihm auf keine Weise gegen diese Unsere Concession schmälern, bey Strafe nachdrücklicher Ahndung. Dagegen behalten Wir Uns vor, wenn derselbe den in dieser Unserer Verleihung enthaltenen Vorschriften nicht nachgekommen und gegen ihn gegründete Beschwerde entstehen sollte, ihm dieselbe auch noch vor Ablauf der festgesetzten Jahren wiederum nach Gutbefinden zu nehmen, so wie Uns gleichfalls unbenommen bleiben soll, nach dessen Absterben mit dem nächsten Maytage wegen dieser Concession eine Uns gefällige Verfügung zu treffen.

Urkundlich haben Wir diese Verschreibung unterschreiben, mit Unserem Königlichen Cammer-Siegel bedrucken und dem Begnadigten gegen seinen Revers zustellen lassen.

So geschehen Hannover, d. 18ten May 1820.
Ad Mandatum Regis proprium
v. d. Wense

Nach einer undatierten „Übersicht der im Verwaltungs-Bezirke der Königlichen Landdrostey Lüneburg vorhandenen Abdeckereyen, und Angabe der Rechtlichen Verhältnisse derselben“ (aus dem Jahre 1827) bestanden hierzulande immerhin 19 Abdeckereien. Wir finden die Namen der Inhaber, die beigelegten Amts-, Stadt- oder Gerichtsbezirke, die Obereigentümer (in der Regel die Landesherrschaft, mitunter der Gerichtsherr, in Lüneburg und Uelzen der Magistrat), das Datum der Verleihungsdokumente, die Dauer und rechtliche Qualität der Verleihung, „an Recognition wird entrichtet“, „der Abdecker bezahlt Ansagegeld“ und schließlich Bemerkungen. Interessant sind zunächst die linken Spalten, aus denen der Name des Inhabers und das Datum der Verleihungsdokumente hervorgehen: [11]

(…)

13. Burgdorf, Chr. M. Fuchs (Nachrichter), Burgdorf, Burgwedel, Ilten, 18. Mai 1826

Die Beamten des Amtes Burgdorf, Drost Georg von Holle und Amtmann Bode, berichteten am 17. September 1828: [12]

An
Königliche Großbritannisch-Hannoversche
Land=Drostey zu Lüneburg.
Bericht
des Amts Burgdorf,
vom 17ten Septbr. 1828.
betreffend
das Gewerbe der Abdeckerey.

Auf Veranlassung des hohen Ausschreibens vom 28sten v. M. zeigen wir ganz ergebenst an, daß in dem hiesigen Amtsbezirke, so wie in den Amtsvogteien Burgwedel und Ilten, von jeher die Abdeckerei=Gerechtigkeit mit dem hiesigen Scharfrichter=Amte verbunden gewesen ist, und nach Ausweisung der älteren und neueren Acten der Allergnädigsten Herrschaft als ein Zwangs=Recht ausschließlich zugestanden hat.

GvHolle. Bode.

Anmerkungen:

[1] Niedersächsisches Landesarchiv -Hauptstaatsarchiv Hannover- Celle Br. 61 Nr. 177.
[2] Der unehrenhafte Beruf des Nachrichters (Scharfrichters) in Burgdorf ist nur in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Burgdorf belegt. Dessen Gebührenordnung von 1712 besagte: „1. Für jede zu Burgdorf verrichtende Execution eines zu Gericht führenden Maleficanten: 1 rth. 24 gg. 2. Für die Strangulierung, wann sie abgenommen werden: 1 rth., für Verfertigung der Grube: 24 gg. 3. Wann einer sich selbst erhenket, und durch der Nachrichter Leute abgenommen und beerdigt wird: 2 rth. 24 gg. 4. Für die geschehene decollirung: 1 rth. 24 gg. für Machung der Grube, so durch des Nachrichters Leute geschiehet: 1 rth. 5. Für die Geräthschaften, an Beil, Spade, Hacken, Hammern und Leitern: 1 rth. 6. Zehrungskosten wann sie an ein ander Amt zur Execution gefordert werden, für einen Meister täglich: 1 rth., für jeden seiner Leute: 18 mg.“
[3] Das war in etwa der Bereich um die Stadt Sehnde herum. Nach sehr langen und wechselvollen Grenzauseinandersetzungen zwischen den Bischöfen von Hildesheim und den Welfenfürsten der verschiedenen Linien war das Amt Ilten im ausgehenden Mittelalter endgültig zu Lüneburg-Celle gekommen.
[4] Die Dörfer Harber, Haimar, Dolgen, Evern, Rethmar, Klein Lobke, Gretenberg, Ilten, Lehrte, Ahlten, Hörer, Bilm, Anderten und Sehnde bildeten in früheren Zeiten das Gebiet des „Großen Freien“. Der Name leitet sich von einer mittelalterlichen Gerichtsgenossenschaft der „Freien vor dem Nordwalde“ her, die sich in diesem Raum als privilegierte Bauernschicht besonders lange hielt und bis in die Gegenwart ihre besondere Tradition pflegt.
[5] Das Kürzel im vorliegenden Schreibenentwurf deutet auf die Herren Stadthalter, Kanzler und Räte, wie die fürstlichen Beamten Celles bereits im 16. Jahrhundert bezeichnet wurden, hin.
[6] Scheelje, Reinhard; Neumann, Heinz, Geschichte der Stadt Burgdorf und ihrer Ortsteile, Burgdorf 1992, S. 160.
[7] Die Abdeckerei, wenn überhaupt im Stadtbereich befindlich, wird nicht lange bestanden haben. Nachrichten über eine Abdeckerei in dieser Gegend liegen sonst nur aus Uetze vor (Blazek, Matthias, Die Hinrichtungsstätte des Amtes Meinersen, Stuttgart 2008).
[8] Christian Ludwig (1622-1665), Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, ältester Sohn Herzog Georgs, war von 1641 bis 1648 Fürst des Fürstentums Calenberg und von 1648 bis zu seinem Tode Fürst des Fürstentums Lüneburg.
[9] insinuieren: beibringen; zu verstehen geben.
[10] Niedersächsisches Landesarchiv -Hauptstaatsarchiv Hannover- Hann. 80 Lüneburg I Nr. 224.
[11] Niedersächsisches Landesarchiv -Hauptstaatsarchiv Hannover- Hann. 80 Lüneburg Nr. 293.
[12] Niedersächsisches Landesarchiv -Hauptstaatsarchiv Hannover- Hann. 80 Lüneburg Nr. 295.

 

  • Auf alten Karten ist bei Burgdorf ein Ort eingezeichnet, der mit einem Galgen bzw. mit dem Namen „Gericht“ bezeichnet wird. Hier werden in früheren Zeiten die Todesurteile aus dem Raum Burgdorf vollstreckt worden sein. Schon der Flurname deutet darauf hin („Galgen Feld“, mit dem sich südlich anschließenden „Galgen Kamp“, 1781), und der ehemalige Richtplatz liegt zwischen der jetzigen B 443 und dem Heeßeler Weg, im Bereich der Straße „Am Sande“.

Literatur:

Matthias Blazek: Hexenprozesse – Galgenberge – Hinrichtungen – Kriminaljustiz
im Fürstentum Lüneburg und im Königreich Hannover, Stuttgart 2006
Matthias Blazek: Die Hinrichtungsstätte des Amtes Meinersen, Stuttgart 2008
Adolf Meyer: „Abdecker hatten einen einträglichen Beruf“, Unser Kreis – Heimatblätter für den Kreis Burgdorf, Beilage zum Burgdorfer Kreisblatt/Lehrter Stadtblatt, Nummer 5/13. Mai 1972

Das frühere Amtshaus in IltenBildnachweis:

Foto oben: Burgdorf um 1654 in einem Merian-Stich.
Foto Mitte: Christian Ludwig von Braunschweig-Lüneburg, Kupferstich um 1645.
Foto links: Das Amtshaus zu Ilten heute. Das barocke Gebäude wurde von den Freien des Großen Freien unter der Bauleitung des Universitätsbaumeisters in Göttingen Joseph Schaedler in den Jahren 1736/37 gebaut. Seitdem erstrahlt es in seinem heutigen Glanz. Gewählte Bauherren sind für den Bau und die Unterhaltung des Gebäudes bis in die Gegenwart zuständig gewesen. Als im Jahre 1859 das Amt Ilten in das Amt Burgdorf eingegliedert wurde, benötigte man das Amtshaus nicht mehr. Es wurde 1872 von den Freien an den in Ilten praktizierenden Psychiater Ferdinand Wahrendorff (1826-1898) verkauft und der Erlös unter den Freien verteilt. Dass das barocke Gebäude nicht ohne Schwierigkeiten in Wahrendorffs Besitz überging, berichtet Kurt Fenske am 18. November 1972 in der Heimatbeilage des Burgdorfer Kreisblatts/Lehrter Stadtblatts „Unser Kreis“. Foto: Blazek

 

zurück zur Übersicht

Die liebe Not der Scharfrichter

1924 und 1925 nahmen sich einige Henker das Leben

Der Magdeburger Scharfrichter Friedrich Reindel (1824–1908) starb eines natürlichen Todes, nachdem er zwischen 1874 und 1898, ehe er in den Ruhestand trat, insgesamt 213 Menschen enthauptet hatte. Sein Nachfolger, der Scharfrichter Julius Krautz, der am 25. März 1889 seinen Gehilfen Gummich erschlagen hatte und danach die Scharfrichterei niederlegte, eröffnete ein Restaurant und starb 1921 im Krankenhaus von Rüdersdorf. Der preußische Scharfrichter Schwietz erschoss sich, sein Nachfolger Spaethe aus Breslau tötete sich 1924. Selbst der geachtete und geehrte österreichische Henker Josef „Pepi“ Lang endete ebenfalls 1925 durch Selbstmord.

Von Matthias Blazek

Der nach Breslau zurückgekehrte Berliner Scharfrichter Lorenz Schwietz erschoss sich im Mai 1925 aus Existenznot und wegen des Todes seiner Frau im Jahre 1923. Die Inflation hatte ihn zudem aller Ersparnisse beraubt, wie Millionen andere Deutsche auch. Lorenz Schwietz, ein früherer Gehilfe des Scharfrichters Krautz, hatte von 1886 bis 1898 in Breslau eine Abdeckerei betrieben, ehe er im Jahre 1900 seine neue Aufgabe übernahm. Noch zu Lebzeiten hatte Schwietz in Breslau einen Verleger (E. Ruessmann) gefunden, der seine Memoiren auflegte: „Das Tagebuch des Scharfrichters Schwietz aus Breslau über seine 123 Hinrichtungen“, bearbeitet von Helmuth Kionka, mit zwei eingedruckten Bildnissen, Breslau 1924. Lorenz Schwietz, am 25. Juli 1850 geboren, war zunächst Fleischer und Rossschlächter gewesen. Er hatte die Scharfrichterprüfung 1889 abgelegt und war 1913 in den Ruhestand getreten.

Über die Arbeit von Lorenz Schwietz verlautet in einem Aufsatz von Julius Polke in der von der Kriminalbiologischen Gesellschaft herausgegebenen Monatsschrift für Kriminalogie und Strafrechtsreform, Band 21/1930, auf Seite 275:

Bei dem von mir bearbeiteten Falle waren zur festgesetzten Zeit zu der Hinrichtung erschienen: Der Vertreter des Oberstaatsanwalts, der Gefängnisdirektor, zwei Mitglieder des Gerichts erster Instanz, vier Abgeordnete der Gemeinde, mehrere bei der Staatsanwaltschaft und bei dem Landgericht beschäftigte Beamte, sowie einige andere Personen, denen der Vertreter der Staatsanwaltschaft Zutritt gestattet hatte, zu denen ich auch gehörte. Hingerichtet wurde ein Geschäftsmann, der seine Frau ermordet hatte.

Vor dem Schafott standen drei Gehilfen des Scharfrichters, dasselbe verdeckend. Der Scharfrichter stand vor dem Richtertisch in der Nähe des Staatsanwalts. Etwas abseits stand ein Polizeikommissar mit 8 Polizeibeamten. Um 5 Uhr 30 ordnete der Staatsanwalt das Läuten der Glocke und die Vorführung des Verurteilten an, welcher bald darauf, von 2 Justizwachtmeistern begleitet, den Richthof betrat. Dem Verurteilten waren die Hände auf dem Rücken gefesselt. Neben ihm ging der Gefängnisgeistliche. Das Läuten der Glocke dauerte bis zum Schluß der Hinrichtung an. Auf Anordnung des Staatsanwalts verlas ein Sekretär der Staatsanwaltschaft die mit der Vollstreckungsbescheinigung versehene Formel des Urteils des Schwurgerichts. Auf die Frage des Staatsanwalts an den Verurteilten, ob er noch etwas anzuführen habe, erwiderte dieser: „Nichts“. Hierauf zeigte der Staatsanwalt die Urteilsformel und die Ablehnung des Gnadenbeweises dem Scharfrichter Schwietz vor und übergab ihm den Verurteilten mit den Worten: „Herr Scharfrichter hiermit übergebe ich Ihnen den Delinquenten“. Nun begann die Arbiet der Henkersknechte. Zwei erfaßten den Verurteilten und legten ihn auf das Schafott mit dem Gesicht nach unten, während der Dritte den Nacken freimachte. Und schon trennte das Beil des Scharfrichters durch einen wohlgezielten Schlag den Kopf vom Rumpfe. Der Scharfrichter meldete: „Herr Staatsanwalt, das Urteil ist vollstreckt.“

Von dem Eintritt des Verurteilten in den Richthof bis zur Enthauptung waren nur wenige Minuten vergangen. Der Leichnam des Hingerichteten wurde in einen bereit stehenden Sarg gelegt, dieser verschlossen und der Gefängnisdirektion übergeben. Da seitens der Angehörigen ein Verlangen zur Verabfolgung des Leichnams nicht gestellt worden war, wurde dieser der Ortspolizeibehörde zur Beerdigung übergeben, mit dem Hinweise, daß die Kosten der Beerdigung die Strafvollstreckungsbehörde, also der Staatsanwalt, zu tragen hat.

Dem Scharfrichter wurde auf Verlangen vom Staatsanwalt bescheinigt, daß er den Verurteilten schnell, sicher und vorschriftsmäßig mittels Beiles enthauptet, die Vorbereitungen dazu mit Geschick und Umsicht getroffen und während des ganzen Vollstreckungsaktes sich tadelfrei geführt habe.

Scharfrichter Schwietz benutzte zu seinen Hinrichtungen ein Handbeil im Gewicht von 13 Pfund. Die Schneide war 32 cm lang, der Stiel 42 cm. Das Schafott bestand aus einer Bank und einem schweren ahornen Block mit einem Blutkasten. (…)

Auf der folgenden Seite verlautet: „Schwietz war im Jahre 1850 in Groß-Döbern, Kreis Oppeln, geboren und erlernte das Fleischerhandwerk in Breslau, arbeitete dann in Ratibor und betrieb bis 1886 in Breslau eine Fleischerei. 14 Jahre lang, und zwar vom 9. August 1900 bis 29. Januar 1914, waltete er dann seines schweren Amtes als Scharfrichter. In dieser Zeit hat er 120 Hinrichtungen vorgenommen und zwar: in Glogau 6, Breslau 3, Brieg 1, Berlin 3, Neu-Ruppin 1, Ostrowo 2, Oppeln 2, Graudenz 4, Danzig 2, Kottbus 7, Görlitz 2, Tilsit 5, Köslin 1, Beuthen O.-S. 10, Gleiwitz 7, Posen 7, Allenstein 6, Hirschberg i. Schl. 5, Stargard i. Pom. 1, Königsberg 4, Schneidemühl 1, Hannover 1, Köln 1, Essen 1, Düsseldorf 2, Schweidnitz 3, Glatz 1, Meseritz 3, Öls 1, Bartenstein 1, Liegnitz 1, Ratibor 6, Bromberg 4, Plötzensee 3, Guben 1, Lessa i. Pos. 1, Thorn 1, Insterburg 5, Stettin 1 und Frankfurt a. O.“ [Gleich lautend, aber ohne die dezidierte Aufstellung, das Archiv für Kulturgeschichte, Band 46/1964, S. 358.]

Mit der Beschaffenheit des von Schwietz benutzten Beils befassten sich Heinrich Breloer und Horst Königstein 1982 in ihrem Buch „Blutgeld – Materialien einer deutschen Geschichte“ (S. 76) und gaben auch einen Einblick in seine Arbeit (S. 74).

In der Ausgabe 2/1910 von „Rechtsprechung und Medizinalgesetzgebung“ heißt es auf Seite 109: „Er verwies dabei auf die vom Scharfrichter Schwietz aus Breslau ihm zur Verfügung gestellte Skizze einer solchen Maschine, bei der das eine schräg gestellte Klinge aufweisende, 25 Kilogramm schwere Beil aus einer Höhe von 150 Zentimetern auf den Hals des Delinquenten herabfällt. Scharfrichter Schwietz, der 98 mal mit dem Handbeil und achtmal mit der Guillotine Hinrichtungen vollzogen hat, zieht allerdings die erste Art der Guillotine vor, doch dürfte das auf Gewohnheit zurückzuführen sein. In der sehr lebhaften Debatte, an der sich Ungar-Bonn, Ziemke-Kiel, Stumpf-Würzburg und Reuter-Hamburg beteiligten, wurde allgemein die mechanische Art der Hinrichtung der durch die Hand vorgezogen als die unbedingt sicherste, da schließlich mitunter auch dem Scharfrichter eine erhebliche und dann sehr peinliche Ungeschicklichkeit unterlaufen könne. Im übrigen sei die Hinrichtung durch das Beil entschieden an sich einfach und doch auch würdig. Vortragender faßte zum Schluß das Ergebnis der Debatte dahin zusammen, daß von keiner Seite gegen den Gebrauch des Fallbeiles zur Vollziehung der Todesstrafe irgend eine Einwendung erhoben und die Hinrichtung durch Enthauptung als durchaus einfach, würdig und glatt in ihrem Verlauf anerkannt sei.“

„Mir hat diese Vorrichtung durchaus gefallen, und ich habe das würdig gefunden, würdiger als das Verfahren, dass man auf dem Steinpflaster des Gefängnishofes eine Bank mit dem dazu … Ich habe hier, meine Herren, eine Skizze des Apparats, der von dem Breslauer Scharfrichter Herrn Schwietz benutzt wird (Abbildung 1)“, verlautete 1911 in der von Johann Ludwig Casper herausgegebenen Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medizin und Sanitätswesen (S. 157).

„Die freie Meinung“ (Breslau) schrieb zu den beiden Henkerselbstmorden Folgendes: „Als der Scharfrichter Schwietz vor einigen Jahren sein Amt niederlegte, habe ich ihn interviewt. 120 Hinrichtungen hatte der gute Mann hinter sich. Irgend welche scheußlichen Gefühle hatte er dabei nicht gehabt, er fühlte sich völlig als Vollstrecker der irdischen Gerechtigkeit.“ [Émil Szittya: Selbstmörder – Ein Beitrag zur Kulturgeschichte aller Zeiten und Völker, Leipzig 1925, S. 306.] „Der Scharfrichter Schwietz, dessen Memoiren jetzt erschienen sind, denkt daher auch nicht im geringsten an eine Rechtfertigung seines Berufs“, schrieb „Die Weltbühne“ 1926 (S. 977).

Schwietz Nachfolger wurde sein früherer Gehilfe Paul Spaethe aus Breslau. Spaethe, 1875 geboren, war seit 1912 Scharfrichter gewesen. Seine Frau starb im Januar 1924. Er sah keinen Ausweg und erschoss sich am 29. Januar 1924 in Breslau mit seinem Revolver. Hierzu verlautete: „Er hat Anfang Januar seine Frau verloren, an der er mit zärtlicher Liebe gehangen hatte. Seit dem Tode seiner Frau war der rüstige Mann völlig gebrochen.“ [Der Querschnitt, veröffentlicht von Kraus Reprint, 1.1921-13.1933, Band 4/Repr. 1970, S. 172. Damit irrt Kurt Rossa in seinem „Spiegel“-Artikel „Wutanfall im Todeshaus“, wo er 1925 als Todesjahr von Spaethe angibt (DER SPIEGEL 45/1966 v. 31.10.1966, S. 116).]

Richard J. Evans schreibt, dass Paul Spaethe während des Ersten Weltkriegs zahlreiche Exekutionen unter der Aufsicht seines Amtsvorgängers Schwietz vorgenommen habe. [Rituals of Retribution – Capital Punishment in Germany 1600–1987, Oxford 1996, S. 543.]

Ein anderer Gehilfe von Schwietz, Joseph Kurz (Kurzer), der seit 1900 bei dem früheren Scharfrichter gearbeitet hatte, wurde noch Mitte sechzig zum Scharfrichter ernannt (1924), erkrankte aber bald darauf und starb 1927.

Der führende Scharfrichter in Deutschland zur Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung, der Magdeburger Dampfwäschereibetreiber Carl Gröpler, ehemals Hauptgehilfe von Schwietz, hatte neben Schwietz und Spaethe amtiert, nachdem sein Arbeitsvertrag erst 1924 aufgefrischt worden war. Gröpler starb 1946 in sowjetischer Gefangenschaft.

Der Vagabunden-Chronist Émil Szittya bewertete die Fälle Schwietz und Spaethe in seinem Buch „Selbstmörder – Ein Beitrag zur Kulturgeschichte aller Zeiten und Völker, 1879–1925“ aus dem Jahre 1925 (Seite 307):

„Hunger (…) Sicher hat Schwietz als ehrsamer Mann seines Handwerks versucht, auf anständige Art etwas nebenbei zu verdienen. Es gelang leider nicht. … Da ging er, der 120 Mal auf hoher Tribüne, freilich abgeschlossen von der großen Welt, zwischen Gefängnismauern seines Amtes gewaltet, hin, um auf der Tribüne, die die Welt bedeutet, seine gewichtige Persönlichkeit gegen 10 oder 20 Pfg. sehen zu lassen. Er trat, ein Zeichen der Zeit, mit seinem Henkersbeil in Schaubuden auf, um einige Krumen Brot mehr essen zu können, gleichsam einer derer aus der Art Hinkemann, ein Kastrierter, den Toller schildert als einen, der in einer Schaubude aus Not lebenden Ratten die Köpfe abbeißt. (…) Denn er erzählte auch von seinen Amtsgeheimnissen, ohne daß jemand wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses gegen ihn einschritt. Schließlich zog aber das Schaubudengeschäft nicht mehr. Der Hunger wurde größer und er beging Selbstmord (…) Auch Schwietz’ Nachfolger, der Scharfrichter Spaethe, der früher Schlächter war, hatte Gemüt. Seine Frau starb und er hatte sie so lieb, daß er sie nicht überleben mochte und sich erschoß. ‚Welch wunderbare Poesie’, schreibt eine Breslauer Zeitung (…)“

Zwei Amtshandlungen Spaethes seien hier kurz beschrieben:

Die zweite (und letzte) Exekution in der Strafanstalt Oslebshausen bei Bremen fand am 6. Januar 1922 um neun Uhr statt. Paul Spaethe, der Gastwirt aus Breslau, richtete den 1892 in Freudenthal geborenen Raubmörder W. Engel auf dem Hof der Strafanstalt mit dem Beil hin. Auf Carl Gröpler habe nicht mehr zurückgegriffen werden können, berichtet Hans-Joachim Kruse im Band II seines Werks „Zur Geschichte des Bremer Gefängniswesens – Das Bremer Gefängniswesen in der Weimarer Republik“ (Bremen 2003) auf Seite 109. Der sei nämlich 1920 ausgeschieden, „weil er nicht hinreichend zuverlässig gewesen sei“.

Paul Spaethe hatte mit dem preußischen Justizfiskus ab 1. Januar 1921 einen Dreijahresvertrag abgeschlossen. Dotierung: 5000 Mark jährlich plus 100 Mark pro Hinrichtung und 240 Mark für die Gehilfen bei Exekution außerhalb Breslaus.

Hinrichtung 1923Am 29. Dezember 1923 wurde der 37 Jahre alte Mörder Johann Mayer in Köln hingerichtet. Im Vorfeld hatte der Minister unter anderem verfügt, dass die Hinrichtung dem Scharfrichter Paul Spaethe aus Breslau zu übertragen sei. Mayer wurde von Koblenz in die Strafanstalt am Klingelpütz in Köln gebracht. Am 28. Dezember wurde ihm der bevorstehende Termin der Hinrichtung mitgeteilt. Tags darauf war es dann so weit. Der Scharfrichter Spaethe stand mit drei Gehilfen vor der Guillotine. Um 7.45 Uhr wurde der Verurteilte Johann Mayer durch die Strafanstaltsoberwachtmeister Haas und Kotowsky aus den Räumen des Gefängnisses dem Ersten Staatsanwalt Dr. Wernicke auf dessen vorherige Anordnung nach der Stelle zwischen der Guillotine und dem Tisch des Gerichtsschreibers vorgeführt. Gleichzeitig ertönte das Armesünderglöckchen, das bis zur Beendigung der Hinrichtung geläutet wurde. Nunmehr wurde dem Mayer durch den Ersten Staatsanwalt der Tenor des rechtskräftigen Urteils des Schwurgerichts und die Entschließung des Staatsministeriums vom 13. Dezember 1923, von seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen, nochmals durch wörtliches Vorlesen verkündet. Der Verurteilte erklärte nichts. Hierauf wurde um 7.46 Uhr dem Scharfrichter Spaethe unter Vorzeigen der erwähnten Entschließung des Staatsministeriums der Auftrag erteilt, seines Amtes zu walten und die Vollstreckung des Todesurteils zu bewirken. Von diesem Augenblick ab traten die drei Gehilfen des Scharfrichters an die Stelle der beiden Strafanstaltswachtmeister. Mayer wurde die Stufen zur Guillotine hinaufgeführt, an das Brett geschnallt, der Körper vorgeschoben und alsdann sofort durch das nunmehr herunterfallende Fallbeil enthauptet. Der Kopf des Enthaupteten sank in den vorgehängten Sack. Der Enthauptete hatte eine ruhige Haltung bewahrt und der Vollstreckung keinerlei Widerstand entgegengesetzt. Der Leichnam wurde sofort in den bis dahin versteckt gehaltenen Sarg durch die Gehilfen des Scharfrichters gelegt und der Gefängnisverwaltung übergeben. Der Strafanstaltsgeistliche segnete sodann den Sarg mit Gebet ein, und die ganze Handlung schloss mit einem gemeinsamen Gebet ab. Die ganze Handlung von der Vorführung des Verurteilten bis zur vollendeten Hinrichtung dauerte zwei Minuten, von der Übergabe an den Scharfrichter bis zur Trennung des Kopfes 25 Sekunden.

Für das Aufstellen des Fallbeils hat der Gefängnis-Werkmeister Mecklenbroich am 29. Dezember 1923 schriftlich um „eine Entschädigung von 30 Billionen Mark“ gebeten. Der Scharfrichter Spaethe hatte zunächst einen Auslagenvorschuss von 2000 Goldmark erhalten. Hiervon hat er 1523 Goldmark als nicht verbraucht zurückgezahlt, sodass ihm 477 Goldmark verblieben. Die Gehilfen, die mit dem Scharfrichter aus Breslau angereist waren – sie hießen August Sprung, Karl Ehrlich und Fritz Reichelt –, mussten um ihren verdienten Lohn bangen. Denn sie schrieben am 12. Februar 1924 an den Oberstaatsanwalt in Koblenz: „Euer Hochwohlgeboren! Am 29. Dezember v. J. ist obengenannter Mayer in Köln durch den Scharfrichter Späte unter Assistenz der 3 Unterzeichneten hingerichtet worden. Eine Liquidation hat derselbe nicht eingereicht, weil er auf Genehmigung des neu geschlossenen Nachtragsvertrages durch den Herrn Justizminister wartete. Am 29. Januar d. J. hat sich Späte erschossen, ohne vorher die Liquidation gefertigt zu haben.“ [Franz Josef Ferber: „Den Mörder in Köln enthauptet – Einblick in die Strafprozessakten eines Eifelschrecks von 1923“.]

Die Staatsanwaltschaft Köln hat Spaethe ein Attest ausgestellt, in dem es heißt: „Dem Scharfrichter Paul Spaethe aus Breslau wird hiermit bestätigt, daß er einwandfrei und gut gearbeitet hat.“ – Spaethe galt als ernster, gutmütiger Mann, der in seinem Scharfrichterberuf großen Ehrgeiz an den Tag legte. Es war sein Stolz, den Scharfrichter Schwietz, seinen Vorgänger und Lehrmeister, übertroffen zu haben. Spaethe ist tatsächlich nicht ein einziger Fehlschlag passiert. [Der Querschnitt, veröffentlicht von Kraus Reprint, 1.1921-13.1933, Repr. 1970, S. 172.]

Literatur:

Matthias Blazek: Scharfrichter in Preußen und im Deutschen Reich 1866–1945. Ibidem, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8382-0107-8.

Breslauer Tageszeitung „Die freie Meinung – Wochenzeitung für Politik und Kultur“, Digitale Bibilothek der Universität Wroclaw

Über Lorenz Schwietz Arbeit siehe auch:

Stefan Appelius: „Todesstrafe in Deutschland“, darin: Hinrichtung von Rudolf Hennig am 4. Dezember 1906 im Strafgefängis Plötzensee, mit einer undatierten Zeichnung und einem Porträt um 1890 von Lorenz Schwietz
Hinrichtung in Glatz 1907: Ernst Nentwig
Hinrichtung in Meseritz 1907: Johann Kosicki
Hinrichtung in Bartenstein 1908: Friedrich Strauß
Hinrichtung in Gleiwitz 1909: Tapeziergehilfe Galetzka
todesstrafe.de – das informationsmagazin zum thema todesstrafe

Szittya: Selbstmörder

Szittya: Selbstmörder

 

zurück zur Übersicht

Scharfrichter in Preußen und im Deutschen Reich 1866–1945

Scharfrichter in Preußen und im Deutschen Reich 1866–1945

Scharfrichter in Preußen und im Deutschen Reich 1866–1945

Buch über ein weitgehend unbeschriebenes Blatt der Geschichte

Die Scharfrichter in Preußen und im Deutschen Reich sind ein bislang noch weitgehend unbeschriebenes Blatt. Nachkommen findet man noch überall; lediglich die ganz großen Gestalten, die am Ende zum Tode verurteilten Menschen hinrichteten, scheinen, was die familiären Verhältnisse anbetrifft, nicht greifbar zu sein.

Die weithin verbreitete Darstellung der Außenseiterrolle der Scharfrichter und ihrer Familien wird durch einen ausführlichen Beitrag aus dem Jahre 1825 relativiert. Es erscheint ein völlig neues Bild dieser vermeintlichen Randgruppe, die sehr wohl den Zugang zum bürgerlichen Leben haben sollte, wenigstens seit Beginn des 19. Jahrhunderts.

Und während der Scharfrichter bis 1933 vorwiegend Mörder hinzurichten hatte, waren es ab dem Zeitpunkt der nationalsozialistischen Machtübernahme im großen Umfang die Menschen, die dem Regime zuwider waren, die in Zeiten von Diktatur und Fremdenfeindlichkeit ihre Meinung sagten. Hier tauchen am Ende unvorstellbar hohe Zahlen von hingerichteten Personen, insbesondere in der Strafanstalt Plötzensee, auf, dass der Verfasser am liebsten auf diese Angaben verzichtet hätte. Dafür lassen sich diese Angaben gerundet viel zu leicht sagen, der einzelne Mensch, der Opfer der Gewaltherrschaft wurde, kommt dabei am Ende leider zu kurz.

In Deutschland traten spätestens seit 1937 die meisten Scharfrichter als anonyme Personen auf, über deren Tätigkeit in der Öffentlichkeit nahezu nichts bekannt war. Nach außen hin waren sie Justizangestellte, ihre Gehilfen Justizhelfer. Selbst Decknamen wurden vergeben.

Diese Anonymität hat zur Folge, dass nur wenig über ihr Da- und Vorhandensein bekannt beziehungsweise überliefert ist. Lediglich der justizbehördliche Schriftverkehr liegt noch vor in den Landesarchiven und im Bundesarchiv Berlin. Und auch von den vollzogenen Hinrichtungen zeugen nur relativ selten Notizen in den Tageszeitungen. Die Scharfrichter wurden stets genau instruiert, über ihre Arbeit „strengstes Stillschweigen“ zu bewahren.

Der Journalist Matthias Blazek, Jahrgang 1966, legt mit diesem Buch erstmalig ein Werk zu einem bisweilen wenig erforschten Thema vor.

ibidem-Verlag, Stuttgart 2010
ISBN 978-3-8382-0107-8
154 Seiten, Paperback, 15,90 €
Tel. 0711/9807954

Weitere Informationen:

www.ibidem-verlag.de

en.wikipedia.org

 

zurück zur Übersicht

Matthias Blazek: Mord und Sühne

Standardwerk zur vorletzten öffentlichen Hinrichtung in Deutschland (1864)

Ludwig Hilberg büßte 1864 auf dem Rabenstein bei Marburg für seine Mordtat.

Mord und Sühne

Der Prozess gegen den Schuhmacher Ludwig Hilberg, der 1864 vor großem Publikum hingerichtet wurde

Öffentliche Hinrichtungen gab es in Hessen bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus. Letztmalig fand eine öffentliche Hinrichtung bei Marburg 1864 nach einem Mord an einer schwangeren jungen Tagelöhnerin statt: Der Schuhmacher Ludwig Hilberg aus dem kurhessischen Ockershausen bei Marburg an der Lahn schnitt am Vormittag des 9. September 1861 seiner Geliebten Dorothea Wiegand die Kehle durch, weil sie von ihm schwanger war und er eine Heirat mit ihr ablehnte. Drei Tage später fand der »Forstlaufer« Lorenz Reinhardt die Leiche mit durchschnittener Kehle und durch zahlreiche Messerstiche entstellt am Südhang des Dammelsberges.

Im Juni 1864 endete der Prozess gegen Hilberg mit einem Schuldspruch sowie der Verurteilung zur Enthauptung. Bald nach dem Urteil gestand Hilberg doch noch die Tat: Weder hatte er Dorothea Wiegand heiraten wollen, da sie im Ort allseits als  »das Hinkel« verspottet wurde, noch wollte er die gesellschaftlichen Konsequenzen ertragen, die sich für ihn im Dorf als Vater eines unehelichen Kindes ergeben hätten. Noch heute steht die »Mordeiche« am Tatort und zeugt von der grausigen Tat.

Matthias Blazek hat für sein jüngstes Werk detailliert recherchiert und legt einen minutiösen Bericht über den Mordfall, seine gerichtliche Aufarbeitung und die letzte Hinrichtung in Hessen vor – dem einzigen Bundesland, in dessen Landesverfassung noch bis heute (2017) die Todesstrafe steht (Art. 21).  Blazek präsentiert wiederum zahlreiche Abbildungen, zeitgenössische Darstellungen und bislang unveröffentlichte Dokumente; ferner stellt er einen ausführlichen Lebenslauf des letzten hannoverschen Scharfrichters, Christian Schwarz, bereit, der den traurigen Akt auf dem Rabenstein bei Marburg 1864 vollzog.

ibidem-Verlag, Stuttgart 2017
ISBN 978-3-8382-1147-3
Cover-Artwork: Josefine Berndt
Durchsicht: Dr. Lutz Münzer
118 Seiten, Paperback, mit Originaldokumenten, 18,80 €

Veröffentlichung: 19. Oktober 2017 
Tel. 0711/9807954

Bestellung:

ibidem-Verlag

 

zurück zur Übersicht