Die erfolgreiche Revue „Casanova“ findet heute vor 90 Jahren ihren Abschluss

Vor 90 Jahren endete das erste Engagement der Comedian Harmonists

Vor 90 Jahren, am 28. Februar 1929, hatte die epische Revue „Casanova“ im Großen Schauspielhaus in Berlin ihre Schlussveranstaltung. Seit der Premiere am 1. September 1928 waren die Comedian Harmonists, ein junges Gesangsquintett mit Klavierbegleitung, denen nun eine große Karriere bevorstand, mit dabei gewesen. Sie hatten sich nach nicht einmal einem halben Jahr harter Probenarbeit auf die Bretter gewagt, die die Welt bedeuten.

Was sich 1928 musikalisch in Berlin abspielte, ging wohl an niemandem spurlos vorbei. Die Comedian Harmonists, im Winter 1927/28 gegründet, hatten nach den im Musikgeschäft üblichen Anlaufschwierigkeiten die Herzen der Menschen im Sturm erobert. Ab 1929 gab es ihre Musik dann auch endlich auf Schellack-Platte, der Vorläuferin der Vinylschallplatte, und zwar immer mit einem Lied auf der einen und einem Lied auf der anderen Seite.

Harry Frommermann (1906-1975), Robert Biberti (1902-1985), Asparuch „Ari“ Leschnikoff (1897-1978), Roman Cycowski (1901-1998), Walter Nußbaum, über den so gut wie nichts bekannt ist (immerhin hatte er später erfolglos gegen seinen Rauswurf geklagt), und der Pianist Erwin Bootz (1907-1982) waren die Musiker, die sich nach den ersten Monaten der Probenarbeit und mehreren Umbesetzungen unter dem anfänglichen Namen „Melody Makers“ in Berlin-Friedenau gefunden hatten.

Sie probten im Sommer des Jahres 1928 im Musiksalon der Stummfilmdiva Asta Nielsen (1881-1972) und hatten an einem Augusttag den Künstleragenten Bruno Levy, einen entfernten Verwandten Frommermanns, zu Gast. Der war seinerseits so sehr überzeugt, dass er sie spontan am Fernsprecher dem Berliner Operetten-Produzenten Erik Charell (1894-1974) anpries. „Die sind ja besser als die Revelers, ja, noch nie aufgetreten“, sagte er ihm, vergleichend mit einem damals sehr erfolgreichen amerikanischen Vokal-Quartett.

Der Berliner Varietékönig biss an, und das Sextett fuhr mit seinem Agenten zum Großen Schauspielhaus an der Friedrichstraße, um erneut vorzusingen. Charell zeigte sich begeistert, bot aber zu wenig Gage. Levy lehnte dankend ab und fuhr mit den „Melody Makers“ zum Operettenregisseur Herman Haller (1871-1943) im Admiralspalast, der schriftlich bescheinigte, dass er auf jeden Fall die doppelte Gage bieten würde. So engagierte schließlich doch Charell die jungen Künstler für seine Operette „Casanova“.

Ankündigung der Revue „Casanova“ im „Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“
Bislang unveröffentlicht: Die Ankündigung der Revue „Casanova“ im „Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ vom 1. September 1928 (S. 11). Repro: Blazek

Charell sorgte dafür, dass die Musiker eine Abendgage von 16,- Mark für jeden bekamen. Sie sollten als Unterhalter zwischen den Umbauten auftreten und hatten auch eine „Pendelerlaubnis“ – das heißt, sie durften auch anderswo auftreten.

Das erste Bühnen-Engagement stand bereits kurz bevor, die Premiere der Operetten-Revue „Casanova“ im Großen Schauspielhaus war für Sonnabend, 1. September 1928, 19:30 Uhr, vorgesehen. Lediglich mit dem Namen des Gesangsensembles war Erik Charell noch nicht zufrieden. Durch ihn und die Librettisten Rudolph Schanzer (1875-1944) und Ernst Welisch (1875-1941) wurde sogleich der Gruppenname „Comedian Harmonists“ geschaffen und ohne Gegenwehr von den Musikern angenommen.

Spanisches Ständchen mit den kostümierten Comedian Harmonists
Spanisches Ständchen mit den kostümierten Comedian Harmonists in der Operette „Casanova“ im Großen Schauspielhaus zu Berlin, 1928. Repro: Blazek

Als böhmische und venezianische Musikanten gekleidet, sollten die Comedian Harmonists in den Zwischenakten der Operette „Casanova“ von Ralph Benatzky (1884-1957) auftreten.

Schon wenige Tage später, am 18. August 1928, nahm das „Gesangsquintett COMEDIAN HARMONISTS vom großen Schauspielhaus“ erste Plattenaufnahmen für den Lindström-Konzern (Odeon) auf, die aber erst später veröffentlicht wurden: „Ein bißchen Seligkeit“, „Ich hab ein Zimmer, gnädige Frau“, „Ninon“ und „Du hast mich betrogen“. Insgesamt 23 Titel nahmen sie während der sechs Monate währenden Zusammenarbeit mit Erik Charell auf. Am 22. Oktober 1928 erhielten die Comedian Harmonists schließlich auf Anregung von Georg von Wysocki (1890-1973), künstlerischem Leiter bei „Lindström-Odeon“, einen Schallplatten-Jahresvertrag bei der Lindström-Gesellschaft.

Die Premiere der Operette „Casanova“ am 1. September 1928 wurde ein großer Erfolg. In sieben Bildern wurden Episoden aus dem aufregenden Leben des legendären Charmeurs Casanova erzählt. Fünf Monate lang war die Operette nach einem Libretto von Rudolph Schanzer und Ernst Welisch jeden Abend aufs Neue ausverkauft. Auf dem Titel des Verlagsmanuskripts stand: „Musik von Johann Strauß, arrangiert von Ralph Benatzky“. Benatzky hatte für seine Partitur bekannte und unbekannte Kompositionen des Wiener „Walzerkönigs“ Johann Strauss (1825-1899) arrangiert.

„Casanova — Mensch und Operette. So steig’ denn noch einmal empor, du alter Abenteurer, du Held in tausend Liebesschlachten ! Komm heraus, Dachs, aus deinem Bau im dunklen Dux! Erscheine, Sohn von Schauspielern! Selbst Schauspieler, Abbate, Soldat, Fechter, Gelehrter, Musiker, Dichter, Spieler und — peinlich ist’s zu sagen — Falschspieler, Diplomat, Agent, Kuppler, Zauberer, Goldmacher !“

(Der Querschnitt, 1928, S. 742)

Spätestens seit dem Tag der Uraufführung von „Casanova“ war der Name „La Jana“ zumindest allen Berlinern ein Begriff. Die aus Österreich stammende hübsche Tänzerin und Schauspielerin La Jana, eigentlich Henriette Hiebel (1905-1940), wurde in der Operette auf einem Silbertablett nackt auf die Bühne getragen.

Ferner wirkten mit das Orchester des Großen Schauspielhauses Berlin unter der musikalischen Leitung von Kapellmeister Ernst Hauke und als Darsteller Michael Bohnen, Emmy Sturm, Anni Frind, Anny Ahlers, Trude Lieske, Fritz Blankenhorn, Siegfried „Sig“ Arno, Paul Morgan, Wilhelm Bendow, Hermann Picha und weitere sowie die Comedian Harmonists.

„So sangen sie denn, stilgerecht als venezianische, spanische und böhmische Musikanten gekleidet, die Intermezzi zwischen den Akten, die ursprünglich als Orchesterstücke gedacht waren“, resümierte der Comedian-Harmonists-Biograf Peter Czada (1936-1999) in seinem Buch „Comedian Harmonists – Ein Vokalensemble erobert die Welt“ (Hentrich, Berlin 1993).

Die kulturinteressierte Berliner Presse war voll des Lobes über die noch unbekannten Sänger, die sechs Monate lang jeden Tag in der Revue auftraten. Die „Deutsche Tageszeitung“ schrieb: „Eine aparte Spezialität sind die Comedian Harmonists, eine Truppe von Brumm- und Säuselsängern, die Musikinstrumente und Jazzkapelle verblüffend originell imitieren.“ Oscar Bie (1864-1938), Musikkritiker des „Berliner Börsen-Couriers“, lobte: „Eine groteske Sängertruppe, Comedian Harmonists genannt, unterhält uns in den Pausen besonders amüsant mit dem Vortrag spanischer, böhmischer und venezianischer Ständchen im Kostüm, nicht bloß der Tracht, auch der Marianne Stanior, Robert Bibertis ‚Sunshine-Girl‘ Stimme.“

Die Comedian Harmonists begründeten mit ihrem Auftritt als Straßensänger ihren Weltruhm. Innerhalb weniger Monate machten sie sich im Großen Schauspielhaus (dem heutigen Friedrichstadt-Palast), der sich zwischen Schiffbauerdamm und Reinhardtstraße befand, einen Namen. Das Engagement dauerte zunächst bis zum 31. Dezember, wurde aber später bis Ende Februar 1929 verlängert.

Da sie eine „Pendelerlaubnis“ hatten und so auch außerhalb auftreten durften, traten die Comedian Harmonists nebenbei in Nachtlokalen und ab dem 16. Oktober 1928 in Kurt Robitscheks „Kabarett der Komiker“ am Lehniner Platz, der damals wohl angesagtesten Kleinkunstbühne, auf. Im selben Programm waren Trude Hesterberg, Hans Moser, Max Adalbert, Paul Morgan und Willy Rosen zu sehen.

Am 1. März 1929 folgte im Hamburger Hansa-Theater das erste Gastspiel außerhalb Berlins, 14 Tage später, am 16. März 1929, wurde der Vertrag mit Walter Nußbaum – aus heute unbekannten Gründen – gekündigt. Er wurde zunächst durch den 2. Tenor Willi Steiner und wenig später durch Erich Abraham-Collin (1899-1961), einen Freund von Erwin Bootz, ersetzt. Bald darauf ging es für das Gesangssextett auch in andere deutsche Städte, nach Köln und Ende 1929 nach Leipzig.

Nach der Schlussvorstellung von „Casanova“ am 28. Februar 1929 folgte im Großen Schauspielhaus – nach einem Tag Umbauphase – die Operette in drei Akten „Der liebe Augustin“ mit Alfred Braun (1888-1978) und Mady Christians (1896-1951). Im „Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ wurde am 27. Februar 1929 angekündigt: „Am Sonnabend, 2. März, 7½ Uhr, findet im Großen Schauspielhaus die Premiere des „Lieben Augustin“ mit Alfred Braun, Mady Christians, Trude Lieske, Siegfried Arno, Paul Morgan, Paul Westermeier und Gustav Matzner in den Hauptrollen statt. Freitag, 1. März, bleibt das Theater wegen Vorbereitung zur Premiere geschlossen.“

 

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Der „Original-Knigge“ erschien im März 1788 in der Schmidtschen Buchhandlung in Hannover

Der „Original-Knigge“ erschien im März 1788 in der Schmidtschen Buchhandlung in Hannover 

Vor 230 Jahren erschien das Buch „Über den Umgang mit Menschen“. 

Von Matthias Blazek

Originalausgabe von „Über den Umgang mit Menschen“, 1788

„Mit Churfürstlich Sächsischem Privilegio“ – Titelblatt der Originalausgabe von „Über den Umgang mit Menschen“, 1788. Wikipedia, gemeinfrei

Der Moralphilosoph und Aufklärer Adolph Freiherr Knigge (1752-1796), der im Deister, einem Höhenzug südlich von Hannover, das Licht der Welt erblickt hatte, hatte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert intensiv mit dem Umgang mit Menschen beschäftigt. Er war 36 Jahre alt, da erschien sein bis heute hochgeschätztes Werk „Über den Umgang mit Menschen“ in seiner ersten Auflage.

Knigge, geboren am 16. Oktober 1752 zu Bredenbeck, war ein kurzes Leben beschieden. Er war 43 Jahre jung, als er als Königlich Großbritannischer Oberhauptmann in Bremen nach einigen kränklichen Jahren am 6. Mai 1796 sein Leben aushauchte.

Sein berühmtestes Werk, „Über den Umgang mit Menschen“, erschien im März 1788 „mit Churfürstlich Sächsischem Privilegio“ in der Schmidtschen Buchhandlung in Hannover. Der I. Teil umfasste 270, der II. Teil 336 Seiten. Über die Neuerscheinung schrieb die „Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung“, St. CLXX. Julius 1788, S. 1356: „Ein philosophisches Werk über diesen interessanten Gegenstand, auf psychologische Kenntniß der menschlichen Natur gegründet, und durch hinlängliche Weltkenntniß aufs wirkliche Leben angewendet, wäre allerdings eine der wichtigsten Erscheinungen des achtzehnten Jahrhunderts. Die Summe menschlicher Glückseligkeit könnte ein starkes Plus dadurch erhalten. Es müßte gleichsam ein moralischer Atlas, und eine practische Casuistik seyn, wonach der unerfahrne Fremdling in der Welt seine Wanderung einrichten, bey jeden Vorfallenheiten seine Schritte sicher leiten, und der practische Mann auf die Menschen wirken könnte. (…)“

Adolph Freiherr Knigge hatte das Buch, „zurückgezogen von dem Umgange mit Menschen“, von Herbst 1787 bis Frühjahr 1788 zu Papier gebracht. „Er hielt es für nöthig, sich über seinen Beruf zur Abfaßung eines solchen Buches auszusprechen“, so der aus Celle stammende, bekannte Literaturhistoriker Karl Goedeke (1814-1887) in seiner Knigge-Biographie (Adolph Freiherr Knigge – Knigges Leben und Schriften, Hannover, im Verlage der Hahn’schen Hofbuchhandlung, 1844). Knigge, der von der Ostermesse 1779 bis zu seinem Tod als einer der fleißigsten, zuverlässigsten und pünktlichsten Rezensenten der „Allgemeinen deutschen Bibliothek“ galt (Lichtenberg Jahrbuch 2010), hatte im Mai 1787 ein Gartenhaus in Hannover in der Calenberger Neustadt bezogen und lebte dort mit seiner Familie bis November 1790.

In der Vorrede zu den ersten beiden Auflagen seines Buches „Über den Umgang mit Menschen“ schrieb der Autor: „Übrigens habe ich dies Buch nicht flüchtig niedergeschrieben, wie wohl andre meiner Schriften, sondern lange an den Materialien dazu gesammelt – Es enthält Resultate aus meinem ziemlich unruhigen Leben unter Menschen mancher Art. Bey dem veränderlichen und leichtfertigen Geschmacke des deutschen Publikums und der übertriebenen Nachsicht, mit welcher dasselbe unbedeutende Romane, leere Journale, platte Schauspiele und nichtswürdige Anekdoten-Sammlungen aufnimmt, möchte es zwar kaum einer Entschuldigung bedürfen, wenn man diesen größern Theil des Publikums nicht so sehr respektirte, daß man streng gewissenhaft in Wahl und Ausfeilung der Produkte wäre, welche man in die gelehrte Welt schickt.“

Göttingische Anzeigen vom 10. April 1788

Rezension in den Göttingischen Anzeigen vom 10. April 1788. Digitale Sammlung Blazek

Als das Buch ein Jahr vor der französischen Revolution in der Schmidtschen Buchhandlung erschien, wurde es sofort ins Holländische, Dänische und Englische übersetzt.

Das Werk hatte Knigge übrigens Emilie von Berlepsch, geborene von Oppel (1755-1830), die einige Zeit in Hannover lebte und damals noch mit dem Juristen und Regierungsrat in Ratzeburg Friedrich Ludwig von Berlepsch verheiratet war, gewidmet.

Die Schmidtsche Buchhandlung an der Langenstraße in Hannover, die „Über den Umgang mit Menschen“ im März 1788 erstmals auflegte, war von Johann Wilhelm Schmidt 1743 in Göttingen gegründet worden und hatte eine Filiale in Hannover. Knigge veröffentlichte bei Schmidt außer „Über den Umgang mit Menschen“ (1788) „Dramaturgische Blätter“ (1788/89), „Philo‘s endliche Erklärung und Antwort“ (1788) und „Geschichte des armen Herrn von Mildenburg“ (Erster Teil, 1789). 1789 übernahm der junge, 1762 geborene Buchhändler und Sohn eines Ratsherrn Christian Ritscher den Betrieb, nachdem er soeben die Konzession zum Buchhandel auf der Neustadt Hannover erworben hatte. Im Jahr 1800 erwarb Heinrich Wilhelm Hahn (1760-1831) die inzwischen insolvente Buchhandlung Ritscher in Hannover und übernahm zugleich die Rechte an Knigge. Die Ritscher’sche Buchhandlung wird aber noch bis 1818 als Verlag der zehnbändigen Ausgabe von einigen Knigge-Werken genannt.

Die Hahnsche Buchhandlung (Gebrüder Hahn) gab nach der 8. Auflage 1804 nur noch die Bearbeitungen des Pfarrers Friedrich Philipp Wilmsen (1770-1831) und des jungen Literaturhistorikers Karl Goedeke heraus.

Im „Tagebuch einer der Kultur und Industrie gewidmeten Reise“ heißt es 1809: „Buchdruckereien gibt es sechs in Hannover. Buchhandlungen drey, nämlich die von Helwing, Gebrüder Hahn, und Ritscher. Von der letzteren sind die Gebrüder Hahn auch Eigenthümer, und beschäftigen, außer zwei Druckereien in Hannover, eine in Hameln, eine in Königslutter, eine in Eimbeck, eine in Braunschweig und mitunter die in Göttingen.“

Der Germanist Karl-Heinz Göttert schreibt 2015 in der bei Reclam erschienenen Ausgabe von „Über den Umgang mit Menschen“: „Als der Umgang mit Menschen 1788 in Hannover erstmals erschien, deutete noch nichts auf den beispiellosen Siegeszug hin. Knigge hatte sich bislang mit Romanen einen noch sehr bescheidenen Namen gemacht. Der Sohn einer alten Adelsfamilie schlug sich nach dem Bankrott seines Vaters mehr schlecht als recht durchs Leben, suchte einen Aufstieg in der Freimaurerei, der nach Jahren emsigsten Bemühens gerade gescheitert war.“ 

Noch im gleichen Jahr, 1788, erschien eine zweite, „verbesserte“ Auflage, die maßgebliche dritte Auflage von „Über den Umgang mit Menschen“ wurde 1790 in Hannover aufgelegt. Zu den – auch unter dem Einfluss der Französischen Revolution – vorgenommenen Veränderungen schreibt Karl Goedeke in der Einleitung zur „aufs Neue durchgesehenen“ 13. Auflage des „Original-Knigge“ (Hannover, Hahn‘sche Hof-Buchhandlung, 1853): „Was die französische Revolution zu Tage brachte und in der ersten Auflage vom Jahre 1788 noch nicht vorhanden sein konnte, finden wir bereits in der dritten von 1790. Und jede Auflage bis zur dritten einschließlich ist mit Nachbesserungen, Veränderungen, und Umgestaltungen versehen worden.“ 

Bis 1922 erschienen insgesamt zwanzig Originalausgaben von „Über den Umgang mit Menschen“.

Literatur:

»… in mein Vaterland zurückgekehrt.«, Adolph Freiherr Knigge in Hannover 1787-1790, hrsg. von Paul Raabe, Göttingen 2002.

Adolf Freiherr Knigge/Friedrich Nicolai, Briefwechsel 1779-1795, hrsg. von Mechthild und Paul Raabe, Göttingen 2004.

Adolph Freiherr Knigge Briefwechsel mit Zeitgenossen 1765-1796, hrsg. von Günter Jung und Michael Rüppel, Göttingen 2015.

 

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Italiener Francesco Guizetti gründet 1696 Wachsbleiche in Celle – Noch heute sind Kerzen aus den Formen des 18-jährigen Kerzenziehers zu erhalten

Francesco Guizetti (1678-1736), ein junger Italiener, gründet 1696 älteste Wachsbleiche und Kerzenmacherei Norddeutschlands – Herzog Georg Wilhelm entdeckt 18-jährigen Kerzenzieher auf einer seiner Norditalienreisen

Der Celler Herzog Georg Wilhelm holte 1696 den Italiener Francesco Guizetti nach Celle. Der 18-Jährige sollte eine Wachsbleiche „nach Italienischer Methode“ errichten.

Ehrenfahnenträger der Wachsbleicher und Wachslichtermacher. „Um das Andenken eines Kaisers zu ehren, dem Deutschlands Handel und Gewerbe Schutz, Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs verdankte“, nahmen die Zünfte aller großen Städte Deutschlands so genannte Ehrenfahnen auf, welche bei feierlichen Aufzügen jedem Gewerk vorgetragen wurden. Handkolorierte Lithographie nach einer Zeichnung von Carl Heideloff (9,3 x 6,4 cm), Nürnberg 1834. Digitale Sammlung Blazek

Unter der Wachsbleiche versteht man das Verfahren, mit dem man dem ursprünglich dottergelben Bienenwachs ein weißes bis elfenbeinartiges Aussehen gab, bevor aus dem Bleichwachs weiße Kerzen hergestellt werden konnten. Der Wachszieher Xaver Greiner in Eichstädt schreibt 1865 über das Wachsbleichen in der Bienen-Zeitung: „Dieses Geschäft wird wohl in ganz Deutschland auf gleiche Weise gehandhabt und überall durch das Sonnenlicht und die Sonnenwärme bewirkt. Die einfache Bleichmethode zerfällt in 2 Hauptmanipulationen: nämlich in das Schmelzen des Wachses und in das Aussetzen desselben an die Sonne. Durch das Schmelzen wird das Wachs von Schmutz und Unrath gereinigt und erhält eine größere Härte und Consistenz. Die 2. Hauptmanipulation hat zur Aufgabe, daß das Wachs in möglichst dünner und ausgebreiteter Form dem Sonnenlichte ausgesetzt wird; denn dieses zerstört den Farbestoff des Wachses und verschafft ihm wieder seine ursprüngliche weiße Farbe. Je öfter diese beiden Manipulationen wiederholt werden, desto weißer und feiner wird das Wachs.“

Weiße Wachslichter wurden nur von vornehmen und reichen Leuten bei „Festivitäten“ gebraucht. Es heißt, dass jeder Hof fast seine eigene Wachsbleiche hätte, woraus die „vornehmsten Bedienten“ versorgt würden.

Mit Wachs wurden Textilien wasserdicht imprägniert.

Herzog Georg Wilhelm (1624-1705), einer der berühmtesten Celler Herzöge, der sich unter anderem durch seine Baufreude auszeichnete, war ein großer Freund vom Reisen. Das geht aus Heinrich Christian Heimbürgers Buch „Georg Wilhelm, Herzog von Braunschweig und Lüneburg“ (Celle 1852) hervor. Schon als Prinz ging Georg Wilhelm, der von 1648 bis 1665 Fürst des Fürstentums Calenberg und von 1665 bis zu seinem Tode regierender Fürst des Fürstentums Lüneburg war, nach Holland, um in Utrecht seine Studien fortzusetzen. Regelmäßig führten seine Reisen, teils gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Ernst August, durch fast ganz Italien, aber auch durch andere südliche Länder. Im holländischen Breda, der Sommerresidenz des Hauses Oranien, lernte der reisende Georg Wilhelm die Hugenottin Eleonore d’Olbreuse (1639-1722) kennen, die er 1676 heiratete.

In Georg Wilhelms Regierungszeit wurden italienische und französische Künstler und Bauhandwerker nach Celle. Durch seine intensiven Kontakte nach Italien brachte der Herzog zahlreiche spezialisierte Handwerker, wie Stuckateure und Wachsbleicher, nach Celle. Einer davon war Francesco Guizetti (1678-1736), ein junger Italiener, geboren am 2. Februar 1678 in Solto Collina in der Provinz Bergamo, „dem östlichsten Zipfel der venetianischen terra ferma“. Der Herzog entdeckte den 18-jährigen Kerzenzieher auf einer seiner Norditalienreisen, weil er ihm bei dem Besuch des Bischofs von Bergamo dadurch auffiel, dass er hervorragend Kerzen herstellen konnte. Und Kirchen und fürstliche Höfe benötigten seinerzeit eine Unzahl von Kerzen.

Guizetti eröffnete im Sommer 1696 mit herzoglichem Privileg außerhalb der Stadttore und nördlich der Triftanlagen eine Wachsbleiche und Kerzenmacherei. Heute erinnert ein Straßenname an das Firmengelände westseitig der Speicherstraße 10-14.

Ein derartiger Geschäftszweig hatte bis dahin im Fürstentum Lüneburg gefehlt. Er wurde durch die nach dem Dreißigjährigen Krieg neuen Aufschwung erlebende Bienenwirtschaft gefördert. Bis dahin hatte man das ungebleichte Wachs, eines der hauptsächlichen Handelsobjekte der Celler Gewandschneider, vorwiegend nach Nürnberg ausgeführt und dort gebleicht und zu Kerzen verarbeitet.

Die Guizetti’sche Wachsbleiche blickte am Schluss auf eine Jahrhunderte währende Familientradition zurück. Der älteste Sohn hieß immer Franz. Ein Nachkomme war der Celler Politiker Franz-Georg Guizetti (1901-1982). Bernhard Guizetti mit Ehefrau Maria Louise ist der letzte in Celle wohnhafte Nachfahre.

Die Guizettis blieben mit ihrer Familie in Italien lange in Verbindung. Noch 1751 bezogen sie vom Vetter in Venedig das Dochtgarn für die Kerzen.

Das „Neue Journal für Fabriken, Manufakturen, Handlung, Kunst und Mode“ weiß 1809 (S. 305 f.) einiges über die Begebenheiten der ersten Jahre zu berichten. So wurde in der Guizettischen Familie in der ersten Zeit nur allein für den herzoglich Cellischen, wie auch für den Hof von Hannover gearbeitet. Die Wachslichter wurden auch nach Berlin geschickt. Das änderte sich jedoch später, sodass ein starker auswärtiger Absatz eintrat.

Der erste Besitzer der Guizetti’schen Wachsbleiche hatte unter seinen Arbeitern einen fähigen Mann. Es handelte sich nach dieser Quelle um einen Landmann aus dem Amt Bissendorf namens Borwarth. Diesen habe Guizetti anfangs zum Wachsankauf in der dortigen Gegend eingesetzt, und er besaß „in allen Stücken sein vorzügliches Vertrauen“. Nachdem sich dieser Borwarth mit den Handgriffen und Geheimnissen der Fabrikatur hinlänglich bekannt gemacht hatte, fasste er den Entschluss, eine eigene Fabrik in Celle anzulegen, was sein Herr, den er darüber informiert habe, nicht verhindern konnte.

Weiter heißt es über den neuen Mitbewerber: „Die eigentliche Zeit der Trennung läßt sich nicht genau angeben; die jetzige große Wachsbleiche, welche von einem Bierwirth (sie hatten nämlich nachmals ihren Namen dahin verändert) angelegt ist, muß bereits 100 Jahr alt sein, wie aus einer in Stein gehauenen Jahreszahl, nebst dem Namen des damaligen Besitzers, zu ersehen ist. Es leidet keinen Zweifel, daß diese Fabrik in dem vorigen Jahrhunderte ein bedeutendes Uebergewicht über die Guizettische in Ansehung des Absatzes behauptet hat. Dieses beweiset theils die Größe der Bleiche, indem schon über 60,000 Pfund in einem Jahre darauf gebleicht sind, auch die Guizettische erst in neueren Zeiten vergrößert worden, theils die desfalls vorhandenen Nachrichten.“

Hermann Moeck und Roland Hütter nennen den Konkurrenten in ihrem Buch „Wirtschaft in und um Celle“ (1995) wie zuvor Brigitte Streich „Casaroli“, meinen aber gewiss Angelo Casarotti, Kammerdiener des Kurfürsten Georg Ludwig in Hannover, der mit Anna Katherina Casarotti, geb. Gutjahr († 1736), verheiratet war und 1705 in Herrenhausen einen Hof erwarb, den er 1721 an die Gräfin Louise von Delitz (1692-1773), einer unehelichen Tochter Georgs I., verkaufte.

Moeck und Hütter schreiben: dass „Casarolis“ Wachsbleiche um 1750 von Johann Jacob Bierwirth übernommen worden sei, „der 1785 mit großem Erfolg 20.000 Pfund Wachskerzen herstellte“. Und weiter: „Zwischenzeitlich gehörte die Firma dann dem Kaufmann Jakob Christian Lampe und ging als August Schmidt Nachfolger letztlich 1894 an die Familie Wulkop über. 1826 verarbeiteten beide Bleichen zusammen 150.000 Pfund, und bis Ende des 19. Jahrhunderts war Celle wohl das größte norddeutsche Wachszentrum. Die Zahl der Mitarbeiter in beiden Firmen war aber nie sehr hoch, Guizetti z. B. weist 1903 nur 30 aus.“

Beiläufig verlautet in der Literatur, Angelo Casarotti habe seine Wachsbleiche 1714 Guizetti verkauft. Francesco Guizetti und seine Nachkommen trugen wesentlich zum Aufbau einer Büchersammlung der katholischen Kirche bei.

Mit etwa 30 Jahren lernte Guizetti die Französin Eleonore Guion (genannt La Perle) kennen und lieben. Sie war die Tochter eines Kammerdieners der Herzogin Eleonore d’Olbreuse und mütterlicherseits Enkelin des französischen Hofgärtners Henry Perronet, der von 1670 bis zu seinem Tod im Jahr 1690 Vorstand des Lust-, Küchen- und Gertgartens in Celle war und den ehemaligen Lustgarten als „Französischen Garten“ anlegte. Anlässlich ihrer Geburt im Jahr 1690 war erstmalig seit der Reformation in Celle wieder eine katholische Taufe vollzogen worden. Paten des Täuflings Eleonore Sophie Guion waren der katholische Graf Lucas Bucco, braunschweig-lüneburgischer Oberst und unehelicher Sohn des letzten Celler Herzogs Georg Wilhelm, und „Mme. Stickinelli“. 1709 heirateten Eleonore Guion und Francesco Guizetti.

1726 schloss „Seine Königliche Majestät von Großbritannien und Churfürstliche Durchlauchtigkeit zu Braunschweig und Lüneburg“ durch ihr Hofmarschallamt mit Francesco Guizetti die Lieferung der für den Hof benötigten Wachslichter auf künftige Jahre ab. Die Zukunft schien damit gesichert.

Zehn Jahre später starb Firmengründer Francesco Guizetti 58-jährig in Celle. Was im gleichen Jahr folgte, war eine Eingabe des Braueramtes wider Guizettis Witwe wegen der Konzession, um eigenes Hausbier zu brauen. Guizettis Sohn Franz Claude Guizetti (1721-1810), der Maria Dammers (1734-1805), Tochter des Lakenhändlers Peter Jakob Dammers, heiratete, erbte von seinem Vater die Wachsbleiche.

Deutsch, Italienisch, Französisch – alle drei Sprachen finden wir inzwischen in buntem Durcheinander in diesem Viertel im Bereich der Speicherstraße in Celle. Die Herzogstadt wurde aufgrund der Initiative Guizettis und der herzoglichen Förderung zum „Mittelpunkt der Wachskerzenfabrikation in Nordwestdeutschland“. Die Wachsfabrikation der beiden Celler Bleichen beherrschte annähernd zwei Jahrhunderte hindurch den norddeutschen Markt. Wachsbleichen bestanden um die Mitte des 18. Jahrhunderts ansonsten in Bremen, Hildesheim, Höxter und Wolfenbüttel. Es heißt, dass jeder Hof fast seine eigene Wachsbleiche hätte, woraus die „vornehmsten Bedienten“ versorgt würden.

Im protestantischen Norden ließen sich noch weitere namhafte Italiener nieder, wie Aloysius (Louis) Fallati (1760-1822), Kaufmann in Hamburg, dessen Sohn Johannes Baptista (1809-1855) eine Karriere als Staatswissenschaftler und Politiker machte, und Casparo de Nervo, der 1783 Bürger in Lübeck wurde. Die Hauptregister der Ausgaben für den Celler Hofstaat, 1685-1705 (NLA HStAH, Celle Nr. 44 Br. 935), nennen neben einigen italienischen Komödianten den herzoglichen Kammerdiener Giorgio Casarotti, den Gartenbaumeister Gaspario Ferri, den italienischen Kammersekretär Giuseppe Pignata, den Landdrost Giovanni Francesco Stechinelli, den Oberst von Bucco, einen Sohn Herzog Georg Wilhelms, den italienischen Maurermeister Jovanni Sale, die Familie Guizetti und den Stuckateur Giovanni Bastista Tornielli.

Neues Hannoverisches Magazin vom 26. September 1791. Digitale Sammlung Blazek

Im „Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode“ (Leipzig, August 1799, S. 135 ff.) wurde eine zuvor veröffentlichte Ist-Aufnahme der Wachsbleichen des Kommerzrates und Kammermeisters Christian Ludwig Albrecht Pape (1748-1817) berichtigt.

„Der Kommerz-Rath hat in dem Abriß des Fabriken-Handlungs-Zustandes S. 129 in Ansehung der Wachsbleichen folgendes bemerkt: ‚Wachsbleichen. Zu Harburg eine, den Erben weiland Kommerzien-Raths Boysen zugehörend, deren Fond inklusive der Gebäude und Ländereien auf 40,000 Rthlr. geschätzt wird. Verarbeitet jährlich ungefähr 40,000 Pfund Wachs, welches sämmtlich im Lande eingekauft ist, und beschäftigt 6 Personen.

Zu Zelle eine, vormals der Wittwe Bierwirth zugehörende, jetzt an den Kaufmann Lampe übertragene Wachsbleiche, verarbeitet jährlich ungefähr 20,000 Pfund Wachs.

Eine andere vor der Stadt gelegene Wachsbleiche verarbeitet jährlich ungefähr 4500 Pfund.’“

Direkt darunter folgt die Berichtigung von Patjes Beitrag, die darauf abzielt, Guizettis Betrieb als den bedeutenderen der beiden darzustellen und das Thema insgesamt noch etwas zu vertiefen:

„Die hier zuletzt angeführte, welche jährlich nur 4500 Pfund verarbeiten soll, ist gerade unter allen Wachsbleichen im Lüneburgischen, Wolfenbüttelschen und Hildesheimischen die größte und vorzüglichste, sie gehört den Wachsbleicher Franz Guizetti, beschäftigt 11 Personen, und verarbeitet jährlich über 100,000 Pfund Wachs.

In dem Hannöverischen Magazin ward einmal behauptet, daß die Wachsbleicher einen Zusatz unter das Wachs mischten. Guizetti erwiederte öffentlich: daß er sich nicht scheue, seine Waare der Untersuchung der Chemiker zu unterwerfen. Dieser bisher immer beobachteten Echtheit und Aufrichtigkeit ist es wohl zuzuschreiben, daß dieser Fabrik, des Krieges ungeachtet, es nicht an Absatz fehlt. Nach dieser Fabrik folgt die des Kaufmanns Lampe, welche nicht 20,000 Pfund, sondern über 40,000 Pfund jährlich verarbeitet. Herr Lampe mußte bei der Uebernahme, die im Sommer geschah, 33,000 Rthlr. für das vorhandene Wachs, ihm als Enkel der Wittwe Bierwirth zum billigsten Preise gerechnet, bezahlen. Erwägt man nun, daß der Wachsbleicher wieder gleich nach Michaelis einkaufen, den Bauer baar bezahlen muß, von dem im Sommer gebleichten Wachs noch nicht viel verarbeitet haben kann, das im vorigen Jahr verarbeitete noch nicht bezahlt erhalten, indem er den auswärtigen Kaufleuten Kredit geben muß, so ergibt sich, daß eine Wachsbleiche, deren Fond inklusive der Gebäude und Ländereien nur auf 40,000 Rthlr. geschätzt wird, und die nur 40,000 Pfund verarbeitet, die erste und ansehnlichste wohl nicht sein könne.

Von den Zelleschen Wachsbleichen liegt keine in der Stadt, sondern beide vor dem Thore, beide dicht neben einander.“

In Gottfried Christian Bohns „Waarenlager“ verlautete 1806: „In den Hannöverischen Ländern sind jetzt 5 Wachsbleichen, 2 zu Hannover, 2 bey Zelle und eine bey Harburg.“

Neben dem Bleichen von Wachs hat Guizetti auch die Kerzenfabrikation in Celle heimisch gemacht. Umseitig schreibt Firmeninhaber Franz Guizetti am 7. Juni 1900 dem Herrn M. Walter in Colmar/Elsass, Basler Str. 7: „Antwortlich Ihres gestr. Schreibens kommt mein Vertreter im Laufe der nächsten Woche zurück & werde ich dann der Sache näher treten.“ Digitale Sammlung Blazek

Das Geschäfts- und Familienarchiv des bis in die neunziger Jahre aktiven Unternehmens befindet sich im Celler Stadtarchiv. Zudem können Interessierte noch heute Kerzen aus echten „Guizetti“-Gussformen kaufen – diese werden beim Wochenmarkt vom Voigthof in Paulmannshavekost verkauft.

Literatur:

Carla Meyer-Rasch: Bericht über das 250jährige Jubiläum der Wachsbleiche und Kerzenfabrik Franz Guizetti, Celle. Celle 1946.

Mathilde Beitzen: Celler Kinder vor hundert Jahren. Festzeitung zur Feier der Zusammenkunft der Familie Guizetti am 11. Oktober 1885. August Lax, Hildesheim 1979.

 

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Guillotine wird nach jahrelanger Pause für Vierfachhinrichtung 1909 in Béthune aufgestellt

Räuberbande versetzt in den Jahren nach 1900 ganz Nordfrankreich in Schockzustand

„Bei der vierfachen Hinrichtung, welche 1909 in Béthune stattfand, hörte die blutdürstige Menge nicht auf mit tierischen Schreien ‚à mort’, sodass die gelernte französische Presse voll Ekels die Abschaffung der öffentlichen Hinrichtung forderte.“

Paul-Louis Ladame, „Peine de mort et criminalité“, in: Schweizerische Zeitschrift für Strafrecht (1909), Seite 3 (Anm.)

In Béthune, einem kleinen französischen Provinzort, wurden am 11. Januar 1909 Abel und Auguste Pollet, Häupter einer Mord- und Raubbande, und zwei ihrer Spießgesellen hingerichtet. Erstmals seit über drei Jahren hatte man in Frankreich wieder die Guillotine eingesetzt. Anatole Deibler (1863-1939), „Monsieur de Paris“, war der den Akt überwachende Scharfrichter. Er hatte zum 1. Januar 1899 die Nachfolge seines Vaters Louis angetreten.

Die „Pollet-Bande“, wie ihr Spitzname in der lokalen und nationalen Presse lautete, war eine Gruppe von Banditen, die um 1900 Nordfrankreich und das südliche Westflandern mit 131 kriminellen Taten terrorisierten. Diese hoch organisierte Bande von zuletzt 27 Personen („des bandits d’Hazebrouck“) wurde von den Brüdern Abel und Auguste Pollet angeführt, daher rührt der Name „bande Pollet“. Die große Zahl der Verbrechen dieser Banditen weckte das Interesse zahlreicher Journalisten. Sie sollten am Ende wegen zahlreicher Verbrechen verurteilt werden. Dem Anführer der Bande, Abel Pollet (1873-1909), wurden allein 790 Einbrüche zugeschrieben. Er soll oft in die Cafés von Hazebrouck gegangen sein, um Informationen zur Vorbereitung seiner Einbrüche zu sammeln.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte in Frankreich ein Klima der zunehmenden Unsicherheit, die weitgehend von der nationalen Presse gefördert war, die auf die Unfähigkeit der Polizei hinwies: Die „Apachen“, wie man um 1900 die räuberischen Kleinkriminellen in Paris bezeichnete, grassierten in Paris, die „Chauffeure der Drôme“ terrorisierten die Bewohner der Landschaft rund um Valence und von Romans-sur-Isère im Departement Drôme. Die Straflosigkeit vieler Verbrechen und die Langlebigkeit krimineller Karrieren demonstrierten die Unfähigkeit des Staates, ihnen mit ausreichenden und fähigen Sicherheitskräften entgegenzuwirken.

Abel Pollet wurde am 9. Oktober 1873 in einem Haus an der Rue du Pain Sec in Vieux-Berquin („hameau du Sec-Bois“) im Departement Nord-Pas-de-Calais, unweit östlich von Hazebrouck, als Sohn guter Eltern geboren. Er war ein nervöser Mann, schroff, er trug einen Bart und einen braunen Schnurrbart. Er wurde als sehr unhöflich und arrogant beschrieben. Im Alter von neun Jahren, am Tag seiner Kommunion, beging er seinen ersten Diebstahl: „une pièce de 100 sous“, eine Silbermünze, die er in der Schublade eines Lebensmittelhändlers gefunden hatte. Den Sou hatte es damals längst nicht mehr gegeben; er bezeichnete den Betrag von 5 Centimes.

Die Kommunionsfeier wurde nicht abgebrochen; dann folgte die Sanktion, ein dreimonatiger Aufenthalt im Haus der Korrektur (Maison de correction). Mit 12 Jahren entfiel die Pflicht, zur Schule zu gehen (die er überhaupt nicht mochte), und sein Vater verschaffte ihm eine Arbeit bei einem ortsansässigen Viehkaufmann. Er klaute einen Ring und wurde daher entlassen. Acht Tage im Gefängnis, und seine Eltern wollten danach nichts mehr von ihm wissen. Er beschloss, bei seinem drei Jahre älteren Bruder Auguste zu leben (wovon dessen Frau, Eugénie, geb. Morent, allerdings nicht begeistert war).

1898 lebte Abel Pollet noch immer in Vieux-Berquin. Am 28. März lernte er einen neuen Rekruten kennen: Canut Vromant, 21 Jahre alter Tagelöhner, 1878 in Bavikhove (Westflandern) geboren, eingebürgerter Belgier und Schläger, wohnhaft in Hazebrouck. Pollets frühe Weggefährten waren somit anfangs sein Bruder Auguste, dann Victor Noté, die Brüder Léon und Henri Fauvart, Gustave Leclerc, Vromant und so weiter, in deren Gesellschaft er mehr als hundert Einbrüche verübte.

Pollet „spezialisierte“ sich in der nachfolgenden Zeit auf den Diebstahl von Nahrungsmitteln, die er aus den Höhlen und Salinen der Menschen in der Region plünderte. Im Jahr 1901 wurde er wegen eines Einbruchs in Vieux-Berquin festgenommen, dafür bekam er eine Gefängnisstrafe von vier Jahren, die er im gleichen Jahr im Prison de Loos-lès-Lille antrat. Nachdem er seine Freiheit wiedererlangt hatte, wartete er nicht einmal eine Woche, um wieder in „Arbeit“ zu kommen, und zwar mit den während seiner langen Haft erworbenen Kenntnissen. So verübte er von Februar bis August 1905, oftmals von seinem Bruder Auguste begleitet, 41 Einbrüche, teils auch unter Anwendung von Gewalt.

Ende 1904 stellte er seine letztendliche Räuberbande zusammen. Im Sommer 1905 trat Théophile Deroo, „Charlot“, am 24. Oktober 1878 in Méteren geboren, der früher bereits an den Kellerdiebstählen beteiligt gewesen war, hinzu. Marcel Deroo und Louise Matoret, 21 Jahre alte Geliebte von Abel Pollet, die mit ihm auch zusammenlebte, schlossen schließlich den engeren Kreis der Räuberbande.

Insgesamt werden den Polletbrüdern und ihren Komplizen, deren Einzugsbereich sich vom französisch-belgischen Grenzraum zum Bergbaubecken der Provinz Artois, mit einer Vorliebe für die flämische Ebene, erstreckte, 114 Überfälle mit vorgehaltener Waffe, sieben Mordversuche und die Tötung von vier Menschen zugerechnet.

Der Ausgangspunkt des vorherzusehenden Medienereignisses war allerdings eher banal. Im Jahre 1904 wurden im Bereich von Béthune Diebstähle auf einsamen Bauernhöfen verübt. Sie wurden in der Nacht begangen, als die Besitzer im Obergeschoss schliefen. Im Visier hatten die Räuber meistens Lebensmittel. Nach und nach gewannen die Kühnheit und der Appetit der Kriminellen aber an Dynamik.

In der Nacht vom 17. auf den 18. Januar 1905 änderte sich alles. Bei Calonne-sur-la-Lys überraschte Achille Deron, ein Bauer von 77-78 Jahren, die in sein Haus eingebrochenen Einbrecher. Sie schlugen ihn mit einer Sichel nieder, erbeuteten eine Wollsocke mit 18 Francs und flohen. Sie ließen den auf dem Boden seines Schlafzimmers liegenden schwer verletzten Mann zurück. Deron überlebte auf wundersame Weise. Jetzt waren die Gauner nicht mehr nur Diebe, sie hatten nun auch Blut an ihren Händen.

Mit von der Partie bei diesem Überfall: ein neu hinzugetretener ortskundiger Belgier namens Camiel „Lapar“ Guyard, ein Flame aus Poperinge (Westflandern), von dem noch mehrfach die Rede sein wird.

Am 16. August 1905, ein halbes Jahr später also, überfielen sie in Locon (nahe Béthune) die betagten Eheleute Lenglometz. Der Ehemann, Frédéric Henri Lenglometz, 1825 in Locon geborener Bauer und Gastwirt, erlag seinen Verletzungen.

Skizze des Hauses der Eheleute Lenglometz, wo in der Nacht vom 16. zum 17. August 1905 das Verbrechen begangen wurde. Archives départementales du Pas-de-Calais, 2 U 168, dossier 181.

Skizze des Hauses der Eheleute Lenglometz, wo in der Nacht vom 16. zum 17. August 1905 das Verbrechen begangen wurde. Archives départementales du Pas-de-Calais, 2 U 168, dossier 181.

Mit ihrer offensichtlichen Mobilität entgingen die Bandenmitglieder immer wieder den von der Polizei gestellten Fallen: Am 26. August 1905 raubten sie in Westoutre (Belgien), am 6. September in Houtkerque, am 7. September in Proven und in Elverdinge, am 12. September in Ypres, am 22. September in Neuve-Eglise, danach operierten sie in der Gegend von Poperinge, während die Bevölkerung mit der Hopfenernte beschäftigt war.

Am 19. November 1905 überfiel Abel Pollet in Neuf-Berquin die Eheleute Pruvost. Seine Beute: 500 Francs.

In der Nacht vom 28. zum 29. November 1905 versuchte Abel Pollet in Dadizeele (Belgien), Monsieur Degroote umzubringen. Seine Beute: 303 Francs.

Am 28. Dezember 1905 verübten Abel Pollet und Théophile Deroo in Pollinkhove (Belgien) einen nächtlichen Überfall auf die Frauensperson Verlynd. Der Raub wurde schließlich durch Alarm verhindert. Dennoch starb die 90 Jahre alte Dame an den Folgen ihrer schweren Verletzungen.

Am 2. Januar 1906 wurde ein weiteres älteres Ehepaar in seinem Haus überfallen, diesmal in Krombeke in Belgien. Die siebzigjährige Marie Annothe wurde getötet. Auf den Mord folgte der Raub. Am gleichen Tag folterten die Räuber ebenfalls in Krombeke den Bauern Louzie, 73 Jahre, und versuchten dann, ihn mit Schlagstöcken zu töten. Dort belief sich die Beute auf 250 Francs.

Zum Mord in Krombeke am 2. Januar 1906. Postkarte von 1907. Digitale Sammlung Blazek

Zum Mord in Krombeke am 2. Januar 1906. Postkarte von 1907. Digitale Sammlung Blazek

Die Region befand sich in einem Schockzustand. Bei Einbruch der Nacht verbarrikadierte man sich zu Hause, vor allem in abgelegenen Farmen. Die Hinterhalte vermehrten sich bis zum 20. Januar 1906, als die Bande schließlich ein Massaker an einer ganzen Familie anrichtete. In dieser Nacht hatte sie den relativ einfachen Bauernhof von Violaines unweit La Bassée aufgesucht. Dort schliefen Henri Lecocq, früherer Ortsbürgermeister, seine Frau, beide 81 und 79 Jahre alt, und die 55-jährige Tochter Euphrosine. Alle drei wurden brutal ermordet und das Haus gründlich durchsucht. Angesichts der Gewalt, die die Bande dieses Mal gezeigt hatte, machten sich die Behörden auf, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, um die Verbrecher zu stoppen.

Beweisstück vom Mordverbrechen von Violaines vom 20. Januar 1906. Postkarte. Digitale Sammlung Blazek

Beweisstück vom Mordverbrechen von Violaines vom 20. Januar 1906. Postkarte. Digitale Sammlung Blazek

Die Vorgänge wurden detailliert im „Le Petit Parisien“ vom 16. Juni 1908 behandelt. Da heißt es:

Dokument zum Überfall von Violaines, 30. Januar 1906. Archives départementales du Pas-de-Calais, 2 U 168, dossier 181.

Dokument zum Überfall von Violaines, 30. Januar 1906. Archives départementales du Pas-de-Calais, 2 U 168, dossier 181.

„(…) Pollet Abel hatte in der Tat soeben seine Kerze fallen gelassen. In dieser kurzen Zeit nutzte Euphrosine die ihr verbliebenen Kräfte, um ihrer Mutter zuzurufen, sie solle das Fenster öffnen und um Hilfe rufen. Um sie zum Schweigen zu bringen, lief Vromant zu ihr und schlug sie mit der Abdeckung, mit der er bewaffnet war, nieder. Dann wandte er sich der Mutter, Frau Lecocq, zu, die versuchte, das Fenster zu öffnen, und gab ihr einen schrecklichen Schlag auf den Kopf und warf sie auf den Fuß ihres Bettes. Die beiden Frauen bewegten sich nicht mehr, Abel Pollet machte eine Lampe an – denn diese ganze schreckliche Szene war gerade in der Dunkelheit passiert – und begann mit dem Durchstöbern der Möbel. Er nahm Schmuck und eine Box mit einem Betrag von 6.375 Francs, womit er seine Taschen füllte.“

Der eingetroffene Bürgermeister, Monsieur Debourez, notierte, er glaube ein „Blutbad“ („un bain de sang“) vor sich zu haben. Die Verwandten der drei Mordopfer lobten eine Belohnung von 250 Francs aus für jede Information, die zur Festnahme der Täter führen würde und die gleiche Summe auch für die Ergreifung der Täter.

Am 17. Februar 1906 verübten Abel Pollet und Théophile Deroo in Rumbeke (Belgien) einen Raubüberfall auf die Witwe Stragier.

Am 24. Februar 1906 folgte ein versuchter Anschlag Abel Pollets auf die Eheleute Benit in Dottenijs (Belgien) von Abel Pollet, danach folgte der Raub: 2000 Francs und Schmuck.

Am 2. März 1906 folgte ein versuchter Anschlag, gefolgt vom Diebstahl, auf den Ehemann Depoix à Thiennes. Die Täter: Abel Pollet et Théophile Deroo.

Am 18. April 1906 verübten Abel Pollet und Théophile Deroo in Oostoletert (Belgien) einen Raubüberfall und Mordversuch an einem Herrn Ballu. Das Diebesgut: 250 Francs und Schmuck.

Am 21. April 1906 verübten Abel Pollet und Théophile Deroo in Ronsbrunge (Belgien) einen Raubüberfall und Mordversuch an der Witwe Delhaye. Das Diebesgut: 4000 Francs, verschiedene Rententitel und Schmuck.

Am 30. April 1906 wurde mit Blick auf die in Aussicht gestellte Prämie ein gewisser Auguste Platteel bei der Gendarmerie vorstellig. Er war Abel Pollets Schwager und behauptete, zu wissen, wer das Verbrechen von Violaines begangen habe. Er sagte, dass er beim Besuch seiner Schwester Julienne Platteel, verheiratete Pollet, gehört habe, wie diese seiner anderen Schwester von den Taten ihres Ehemanns, des 32 Jahre alten Tagelöhners Abel Pollet, der aus Hazebrouck stamme und polizeibekannt sei für Diebstahl und Gewalt, erzählt habe. Allerdings, so Platteel, habe der Mann nicht allein gehandelt, sondern sei in der Nacht von seinem Bruder Auguste Pollet und einem dritten Mann, Canut Vromant, begleitet gewesen.

Auguste Platteel, Bewohner des Weges Coron du Major in Nœux-les-Mines (Departement Pas-de-Calais), dessen 1872 geborene Schwester Julienne 1895 Abel Pollet geheiratet hatte, war selbst mit Marie Bailleul verheiratet. Er war früher selbst als Mitglied der Pollet-Bande an Schmuggelaktionen beteiligt gewesen. Die Denunziation scheint ihm Straffreiheit eingebracht zu haben. Allerdings verschwand er nach der Anzeige plötzlich völlig von der Bildoberfläche.

Am 3. und 4. Mai 1906 nahmen daraufhin Polizisten der Allgemeinen Sicherheit von Paris eine Reihe von Festnahmen vor, darunter die der Polletbrüder. Am 3. Mai wurde der Hauptschlag gegen die Bande durchgeführt. Nach Informationen von „De Verbroedering – Weekblad der Socialistische Werkersvereenigingen van het Arrondissement Oudenaarde“ vom 15. Juli 1906 wurden am Donnerstag, 3. Mai, die ersten Verhaftungen vorgenommen, die dann zum Aufspüren der gesamten Pollet-Bande geführt haben. An der Mervillestraat in Hazebrouck wurden von den Polizeikommissaren der Stadt fünf Personen verhaftet, die als sehr gefährlich beschrieben wurden. Es handelte sich um die Brüder Abel und Auguste Pollet, Louise Matoret, Dienstmagd in einer Herberge auf dem Weg nach Merville, Canut Vromant und eine Frau namens Quaegebeur, mit welcher Vromant zusammenlebte. Auch die Frau von Abel Pollet, Julienne Pollet, wurde festgenommen.

Im Zuge der weiteren Ermittlungen wurde am 10. Juli 1906 diese „Confrontation“ mitten auf der französisch-belgischen Grenze inszeniert.

Im Zuge der weiteren Ermittlungen wurde am 10. Juli 1906 diese „Confrontation“ mitten auf der französisch-belgischen Grenze inszeniert. Am Tisch sitzen von französischer Seite (rechts): Abel Pollet, Auguste Pollet, Théophile Deroo, Louise Matoret, Madeleine Deroo, Madame Lagache, vonseiten der Geladenen und Befragten, Parkett von Béthune und Parkett von Hazebrouck: der Staatsanwalt, der Richter, ein zweiter Richter, Schreiber, von belgischer Seite (linke Seite): Camiel „Lapar“ Guyard, Verbeke, Dekimpe, Madame Paret, Madame Brouquet. Die Etagen von Ypern und Courtrai, der Kommissar der Polizei, der Staatsanwalt, der Richter und seitlich sechs französische und sechs belgische Gendarmen, die die Straftäter überwachen und den reibungslosen Ablauf der Gegenüberstellung gewährleisten sollten. Digitale Sammlung Blazek

Konfrontation_an_der_b-f_Grenze

Im Zuge der Vernehmungen stellte sich heraus, dass die Aussagen der französischen und flämischen Mitglieder der Bande voneinander abwichen. Aus dem Grunde wurde am Dienstag, 10. Juli 1906, an der Grenze in Abele, an der Casseldreef, zwischen Poperinge und Hazebrouck, ein Treffen veranstaltet, bei dem Abel Pollet und Lapar miteinander konfrontiert werden sollten. Aus dem Café „Au Sébastopol“ waren ein paar Tische und einige Stühle angefordert. Sie wurden auf der Mitte der Straße aufgestellt, sodass die Flamen auf der belgischen Seite und die Franzosen auf der französischen Seite waren. Niemand durfte sein eigenes Land verlassen.

Gerichtliche Gegenüberstellung 1906: die belgische Seite mit Camiel Guyard. Interessant die starke militärische Präsenz. Digitale Sammlung Blazek

Gerichtliche Gegenüberstellung 1906: die belgische Seite mit Camiel Guyard. Interessant die starke militärische Präsenz. Digitale Sammlung Blazek

In der ersten Hälfte des Jahres 1907 fällten bereits die ersten Gerichte in Westflandern ihre Urteile über die geständigen Banditen, so das Gericht von Kortrijk am 15. Januar 1907, das Gericht von Ypern am 28. Februar 1907, das Gericht von Kortrijk am 23. Juli 1907, das Gericht von Ypern am 25. April 1907 und das Schwurgericht von Westflandern. Nach einer Haftstrafe von zwei Jahren wurde die Bande am 4. Juni 1908 um 5 Uhr morgens zum Geschworenengericht in Saint-Omer überstellt.

Le Petit Parisien, Paris, vom 16. Juni 1908. Digitale Sammlung Blazek

Le Petit Parisien, Paris, vom 16. Juni 1908. Digitale Sammlung Blazek

Der Geschworenengerichts-Prozess fand nach zwei Jahren Aufbereitungszeit unter dem Vorsitz von Maxime Lefrançois (1857-1926) vom 16. bis 26. Juni 1908 in Saint-Omer im Departement Pas-de-Calais statt. Der Gerichtssaal musste erweitert werden, um Platz für insgesamt 27 Angeklagte zu schaffen, ebenso für die regionale und nationale Presse und eine Menge von Schaulustigen. Die Pollet-Bande musste sich nun für vier Morde, sieben Mordversuche und 114 versuchte oder tatsächlich begangene Diebstähle in Verbindung mit Drohungen und Gewalt verantworten.

Louise Matoret, weibliche Hauptperson der Bande. Postkarte von 1907. Am 30. Januar 1909 wies „Le Matin“ in Paris darauf hin, dass Abel Pollets ehemalige Geliebte nun, als freigesprochene Frau, den Weber Arsène Christy aus Épehy (Somme) heiraten werde. Digitale Sammlung Blazek

Louise Matoret, weibliche Hauptperson der Bande. Postkarte von 1907. Am 30. Januar 1909 wies „Le Matin“ in Paris darauf hin, dass Abel Pollets ehemalige Geliebte nun, als freigesprochene Frau, den Weber Arsène Christy aus Épehy (Somme) heiraten werde. Digitale Sammlung Blazek

Am letzten Verhandlungstag verurteilte der Assisenhof die vier Hauptangeklagten zum Tode, verhängte 18 Strafen von zwei bis sieben Jahren Gefängnis und sprach fünf Bandenmitglieder frei. 996 Fragen hatte die Jury insgesamt gestellt. Marcel Deroo wurde zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Louise Matoret gehörte zu den Freigesprochenen. Die Kassation wurde verweigert, sodass die Hauptangeklagten um die Gnade des Präsidenten der Republik baten.

Foto vom Prozess gegen die Pollet-Bande in St. Omer, 1908. Digitale Sammlung Blazek

Fotos vom Prozess gegen die Pollet-Bande in St. Omer, 1908. Digitale Sammlung Blazek

Foto vom Prozess gegen die Pollet-Bande in St. Omer, 1908. Digitale Sammlung Blazek

Littoral, 27. Juni 1908, Seite 2: Überblick über alle Verurteilungen im Zuge des Geschworenengerichts-Prozesses von Saint-Omer. Digitale Sammlung Blazek

Littoral, 27. Juni 1908, Seite 2: Überblick über alle Verurteilungen im Zuge des Geschworenengerichts-Prozesses von Saint-Omer. Digitale Sammlung Blazek

Die Urteile im Einzelnen: Abel und Auguste Pollet, Canut Vromant und Théophile Deroo: Todesstrafe, Philomène Craney, verheiratete Fauvart, 4 Jahre Gefängnis, Angèle Platteel, verheiratete Quaegebeur (1902 mit Jérémie René Quaegebeur, 1873-1928), 5 Jahre Haft, Julienne Platteel, verheiratete Abel Pollet, 5 Jahre Haft, Eugénie Morent, verheiratete Auguste Pollet, 5 Jahre Haft, Angèle Pollet, verheiratete Hermen, 5 Jahre Haft, Henri Fauvart, 2 Jahre Haft, Léon Fauvart, 5 Jahre Haft, Villier Noté, 8 Jahre Haft, Marie Josien, verheiratete Noté, freigesprochen, Paul Josien freigesprochen, Eugénie Laronde, verheiratete Ovarlet, 5 Jahre Haft, Marie Deram, Witwe von Picquet, 5 Jahre Haft, Charles Vandevelde 7 Jahre Haft, Gustave Leclerc freigesprochen, Céline Pollet, verheiratete Leclerc, 20 Jahre harte Arbeit, Sidonie Deken, Ehefrau von Deroo, 3 Jahre Haft, Marie Geoffroy, verheiratete Laga, freigesprochen, Marcel Deroo 8 Jahre harte Arbeit, Louise Matoret freigesprochen, Jules Brabands 5 Jahre Haft, Marie Debril, verheiratete Vandamme, 7 Jahre Haft, Constant Camerlynck 5 Jahre Haft.

Abel Pollet sagte zum Unterpräfekten von Béthune, der gekommen war, um ihn zu sehen: „Wenn Sie wüssten, was ich getan habe, werden Sie es nicht glauben! Was ich vor dem Geschworenengericht gestanden habe, ist nichts. Ich allein habe mehr als 250 Verbrechen begangen.“

Um der Räuberbanden jener Zeit Herr zu werden, wurden per Dekret vom 30. Dezember 1907 die berühmten „Brigades du Tigre“ (Brigaden des Tigers) des damaligen Premierministers und Innenministers, Georges Clemenceau (1841-1929), ins Leben gerufen.

Als am 8. Dezember 1908 eine vom neu ernannten Justizminister, Aristide Briand (1862-1932), eingebrachte Gesetzesvorlage vom Juli des Jahres zur Abschaffung der Todesstrafe in der Abgeordnetenkammer mit 330 gegen 201 Stimmen abgelehnt wurde, kehrte man in Frankreich wieder zur Todesstrafe zurück. Erst im Jahr zuvor, im September 1907, hatte die umstrittene Begnadigung von Albert Soleilland (1881-1920), der für schuldig befunden war, am 31. Januar 1907 die 11-jährige Martha Erbelding in Paris vergewaltigt, erwürgt und zerstückelt zu haben, die Popularität des Amtes des französischen Präsidenten stark in Mitleidenschaft gezogen. Ein Pariser Geschworenengericht hatte den Angeklagten zuvor zum Tode verurteilt. In Frankreich war damals eine große Bewegung entstanden, die die Todesstrafe befürwortete.

Die Ersten, die die neue Parlamentsentscheidung nun direkt betreffen sollte, waren die Hauptangeklagten um Abel Pollet.

Die Vierfachhinrichtung der „bandits d’Hazebrouck“ am Montag, dem 11. Januar 1909, in Béthune wurde zu einem regelrechten Volksfest, zu dem die ganze nationale Presse und zahlreiche „Touristen“ anreisten. „Scènes de beuverie, scènes de fête populaire, manifestations scandaleuses, cris, applaudissement, chants, sifflets, scènes écourantes que les autorités n’ont pas pu ou n’ont pas voulu éviter.“

Die Stadtverwaltung hatte im Vorfeld genehmigt, dass die Kneipen und Restaurants über Nacht geöffnet blieben, die Zeitungen verteilten Sonderausgaben, Anwohner vermieteten ihre Fenster als „Logenplätze“, andere Schaulustige stiegen auf Bäume und Leitern.

Die Hinrichtung mobilisierte Menschenmassen, sie zog das Interesse der Presselandschaft und der Wochenschauen nach sich. Das Theater des Schreckens zog die Menschen in ihren Bann. Die in den Zeitungen genannten Gesamtzahlen der beim traurigen Akt massenhaft anwesenden blutgierigen Schaulustigen schwankten enorm. Es scheinen zwischen 10.000 und 15.000 Menschen gewesen zu sein, die den Straßenabschnitt Rue d’Aire/Place Lamartine belagerten.

Da sich Innenminister Georges Clemenceau nicht in der Lage sah, ein Team aus Wochenschauen des Unternehmens Pathé („Pathé Actualités“) zu verhindern, adressierte er am Vorabend der Hinrichtung ein Zirkular an die Präfekten, wonach die Wiedergabe von Foto und Film unterbunden werden sollte: „La direction des affaires criminelles a présenté au procureur de la République de Béthune de prendre les mesures nécessaires pour que l’exécution ne puisse être reproduite par aucun appareil photographique ou cinématographique.“

1909: L’avis d'exécution: Diese Postkarte kündigt die bevorstehende Hinrichtung an. Im Hintergrund sieht man das Zellengefängnis von Béthune sowie Scharfrichter Anatole Deibler mit den vier Delinquenten. Digitale Sammlung Blazek

1909: L’avis d’exécution: Diese Postkarte kündigt die bevorstehende Hinrichtung an. Im Hintergrund sieht man das Zellengefängnis von Béthune sowie Scharfrichter Anatole Deibler mit den vier Delinquenten. Digitale Sammlung Blazek

Am 10. Januar hatte sich die Nachricht von dem bevorstehenden Ereignis wie ein Lauffeuer verbreitet, und das massenhafte Publikum begab sich noch in der Nacht zum Ort der Exekution. Bereits bei Tagesanbruch gab es vor Ort nicht nur eine unglaubliche Fülle von Franzosen, sondern auch viele ausländische Touristen (Deutsche, Engländer, Schweizer, Luxemburger und weitere), die sich besondere Eindrücke erhofften.

Es gibt einschlägige Belege für die große Bedeutung der Veranstaltung. Zunächst wurde außergewöhnlich viel Polizei eingesetzt, um die öffentliche Ordnung zu gewährleisten. „Le Roussillon“, die Zeitung des Roussillon, präzisierte in einem Beitrag unter der Überschrift „La Guillotine à Béthune“ am 11. Januar 1909, dass der Ordnungsdienst von 90 Gendarmen zu Fuß und 40 zu Pferd gewährleistet wurde, darüber hinaus durch das in Béthune stationierte Bataillon des 73° und 200 Reiter der 21° Dragoner von Saint-Omer. Die Soldaten verließen, nachdem sie Suppe gegessen hatten, um 1 Uhr in der Früh die Kaserne, um frühstmöglich ihren Dienst anzutreten.

Dann reihten sich die nationalen und internationalen Zeitungen, die ihre eigenen Reporter geschickt hatten, um das Themenfeld der Hinrichtungen zu besetzen, bei den zahlreichen regionalen Zeitungen ein. Aus Perpignan und den Pyrénées-Orientales kamen „L’Indépendant des Pyrénées-Orientales“, „La Croix des Pyrénées-Orientales – Organe officiel de la jeunesse catholique“ und „Le Roussillon“.

„Le Petit Journal“ titelte im Vorfeld: „quatre têtes tomberont ce matin à Béthune…Abel et Auguste Pollet, Deroo et Vromant paieront les crimes des bandits du Nord“ (Vier Köpfe fallen diesen Morgen: Abel und Auguste Pollet, Deroo und Vromant bezahlen für die Verbrechen der Banditen des Nordens).

Ankunft von Anatole Deibler (hier: aus Anlass einer Hinrichtung in Rodez 1910). Rechts oben im Bild: der mit der Eisenbahn transportierte geschlossene Pferdewagen mit der Guillotine, für deren Zusammenbau man etwa eine halbe Stunde benötigte. Digitale Sammlung Blazek

Ankunft von Anatole Deibler (hier: aus Anlass einer Hinrichtung in Rodez 1910). Rechts oben im Bild: der mit der Eisenbahn transportierte geschlossene Pferdewagen mit der Guillotine, für deren Zusammenbau man etwa eine halbe Stunde benötigte. Digitale Sammlung Blazek

250 Zuschauerkarten hatte die Staatsanwaltschaft für dieses Schauspiel in vier Akten verteilt. Mitglieder der „guten Gesellschaft“ waren aus Paris herbeigeeilt. Ganz Béthune, Familien mit kleinen Kindern drängten sich um die Richtstätte. Die Menge rief: „Vive Deibler!“, „A mort Pollet!“, „A mort les voyous!“, „A la guillotine!“.

Zeitungsbild mit Anatole Deibler inmitten der vier Delinquenten in Béthune, 1909. Digitale Sammlung Blazek

Zeitungsbild mit Anatole Deibler inmitten der vier Delinquenten in Béthune, 1909. Digitale Sammlung Blazek

„Am Fuß des Schafotts – Vierfach-Exekution“: Über den letzten Tag der Verurteilten. L’Aurore, Paris, 11. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

„Am Fuß des Schafotts – Vierfach-Exekution“: Über den letzten Tag der Verurteilten. L’Aurore, Paris, 11. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

Im „Advertiser“ in Adelaide wurde am 20. Februar eine Depesche vom Tag des Ereignisses zitiert. Da heißt es:

„Heute Morgen erschien in der Morgendämmerung wieder die Guillotine in Frankreich, nach einer Pause von mehr als drei Jahren, und die vier Männer, deren Todesurteil von Präsident Fallières am Samstag unterzeichnet worden war, wurden zur Hinrichtung geführt. Es war ein trüber Morgen, aber eine Menge von rund 30.000 Menschen hatte sich auf dem Platz vor dem Gefängnis, wo die Hinrichtung stattfand, versammelt. Das Gesetz schreibt für Frankreich öffentliche Hinrichtungen vor. Die ganze Nacht lang hatten sich die Menschen angesammelt. Um Mitternacht waren es 2.000 Beobachter auf dem Platz, und die Hauptstraße der Stadt wurde wie am Vorabend eines Festes überfüllt. Bald nach Mitternacht brachten Männer Leitern und Bänke auf den Platz und montierten sie, um einen freien Blick zu erhalten. Andere kletterten in die Zweige der Bäume, wo ihre Anwesenheit zwischen den Zweigen von der Glut der Zigaretten und Pfeifen in der Dunkelheit aufgedeckt wurde.

Im Laufe der Stunden hatte die Menge stetig zugenommen. Züge hatten Zuschauer hergeführt, aus allen großen Städten in der Nachbarschaft und sogar aus Paris. Die Hotels waren überfüllt, und in den Cafés verbrachten die Menschen die Nacht, um zu trinken und die Heldentaten der vier verurteilten Männer, der Anführer der ‚Banditen des Nordens’, zu diskutieren. Um 4 Uhr in der Früh bauten Deibler, der Scharfrichter, und seine vier Assistenten auf dem verabredeten Ort die Guillotine auf. Die Truppen hatten Probleme mit dem Zurückhalten der Menge, die das Instrument aus der Nähe untersuchen wollte. Zur gleichen Zeit wussten die vier Verurteilten, Abel Pollet und seine drei Komplizen, Auguste Pollet (sein Bruder), Canut Vromant und Théophile Deroo, noch nichts von ihrem nahenden Ende. Jeden der Männer hatte man für drei Morde schuldig befunden. Abel Pollet hatte von sich aus die Teilnahme an nicht weniger als 250 Straftaten, darunter mehrerer Morde, gestanden. Seine Komplizen, nach ihren Bekenntnissen zu urteilen, waren ihm als Verbrecher unterlegen.

Hinrichtung der Banditen von Hazebrouck, in Sichtweite zum Eingang des Gefängnisses von Béthune, 11. Januar 1909. Die Körper von Deroo und Vromant sind bereits im Korb. Auguste Pollet, der Dritte, der exekutiert werden soll, tritt an die „Witwe“ heran. Wenig später wird auch sein Bruder Abel folgen. Titelseite von „L’Illustration“, Nr. 3438 vom 16. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

Hinrichtung der Banditen von Hazebrouck, in Sichtweite zum Eingang des Gefängnisses von Béthune, 11. Januar 1909. Die Körper von Deroo und Vromant sind bereits im Korb. Auguste Pollet, der Dritte, der exekutiert werden soll, tritt an die „Witwe“ heran. Wenig später wird auch sein Bruder Abel folgen. Titelseite von „L’Illustration“, Nr. 3438 vom 16. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

Um 25 Minuten vor 6 betrat der Staatsanwalt die Zellen der verurteilten Männer und sagte ihnen in der traditionellen Formel: ‚Ich bedauere, Ihnen mitteilen zu müssen, dass der Präsident der Republik Ihr Gnadengesuch abgelehnt hat. Sie haben sich auf die extreme Strafe vorzubereiten. Haben Sie Mut.’ ‚Mut habe ich immer gehabt’, antwortete Abel Pollet. Er und sein Bruder nahmen die Fürsorge eines Priesters, nachdem ihre beiden Kameraden zuvor religiösen Trost empfangen hatten. Beim Abschied von dem Priester, der Abel Pollet begleitet hatte, dankte ihm Pollet und bat ihn, sich seiner Frau und Kinder anzunehmen. ‚Wenn ich auf den Rat meiner Frau gehört hatte’, sagte er. ‚Ich sollte nicht hier sein.’ Dies war im Übrigen der einzige Hinweis der Reue, den er zeigte. Der Gefängnis-Barbier wurde dann gerufen, und auf Deiblers Anweisungen hin rasierte er den Gefangenen die Hälse und riss ihre Kragen auf. Auf Canut Vromants herzliche Bitte hin wurde ihm ein großes Glas Schnaps gegeben, aber im Großen und Ganzen behielten alle vier Männer ihren Mut.“

Laut „Le Figaro“ vom 12. Januar 1909 betraten am besagten Morgen die Herren Félix Trépont, Präfekt von Pas-de-Calais, Pierre Génébrier, Unterpräfekt von Béthune, Louis de Manoël-Saumane, Generalstaatsanwalt, der Staatsanwalt, der Richter, Martial Bar, in Béthune lebender Deputierter, Jules Sénis, Bürgermeister von Béthune, und einige Juristen das Gefängnis. Der Polizeihauptmann schob die Journalisten um die 20 Meter weiter und stellte eine dritte Kavallerie-Einheit auf. Es regnete noch immer. Draußen schrie jetzt die Menge: „Vengeance! Vengeance!“ (Rache! Rache!)

La Guillotine: „Deibler coupe“ (Deibler köpft). Digitale Sammlung Blazek

La Guillotine: „Deibler coupe“ (Deibler köpft). Digitale Sammlung Blazek

Als der erste Räuber, Théophile Deroo, um 7.24 Uhr das Podest betrat, „war es eine schmerzhafte Stille, und dann ein Ausbruch von Johlen und Flüchen aus der Menge“. Der erschlaffte und für einen Moment zögernde Deroo musste inmitten des Spotts nach vorn und mit dem Gesicht nach unten auf das Brett der Guillotine geschubst werden. „Tötet ihn! Tötet ihn!“, riefen die Menschen.

Anatole Deibler löste das Fallschwert, es war ein Blitz, das Geräusch einer plötzlichen Erschütterung, und alles war vorbei. Der Kopf fiel in einen Korb vor dem Messer, während der Rumpf hastig in einen anderen Korb an der Seite geschleudert wurde. Das Blut spritzte durch die Gegend, und der Scharfrichter hatte seine Mühe, mit dem Schwamm dem Malheur entgegenzutreten. In der gleichen Zeit eilten seine Gehilfen ins Gefängnis, um der Reihe nach die nächsten Todgeweihten zu holen.

Die Guillotine, in Frankreich damals als „la Veuve“ (Witwe) und „Bois de justice“ (Gerechtigkeitsholz) bezeichnet, war auf der Place Lamartine, etwa 150 Meter vom Gefängnis von Béthune entfernt, aufgestellt, sie war zwei Tage zuvor, am Samstagabend, 9. Januar, mit dem Express-Zug 3803 vom Bahnhof von La Chapelle aus versandt. Am nächsten Morgen war sie um 6.05 Uhr eingetroffen. Sie war bis zuletzt mit einer großen Plane abgedeckt, um der Neugier der Öffentlichkeit zu entgehen. Scharfrichter Deibler war nach Informationen des „L’Indépendant“ vom 11. Januar 1909 („M. Deibler à Béthune“) mit seinen Gehilfen am 10. Januar um 10.56 Uhr mit dem Nachtzug von Paris eingetroffen. Er wurde am Bahnhof wie ein Befreier empfangen.

In den acht Minuten nach der ersten Guillotinierung schrubbten die Henkersknechte dreimal eifrig das Gerät sauber, während Wachen (so die „Times“) „die Menge mit großer Anstrengung zurückhielten“. Einer der Gehilfen war übrigens Jules-Henri Desfourneau (1877-1951), der 1908 von Deibler als Assistent zweiter Klasse angestellt worden war und der 1939 dessen Nachfolger als „Exécuteur en chef des arrêts criminels de la République“, als oberster Scharfrichter der Französischen Republik, werden sollte.

In Ermangelung gesetzlicher Regelung und effektiver Durchsetzung gelang es einem Pathé-Actualité-Kameramann, die vierfache Hinrichtung von Béthune zu filmen. Die ersten Zensurmaßnahmen gegen eine Wochenschau wurden allerdings noch im gleichen Jahr 1909 ergriffen, als diese Hinrichtungen zeigte. Die Streifen der Wochenschau blieben aber der Exporterlaubnis unterworfen. Mittlerweile sind die Filmaufnahmen, wie dort verlautet, in den Pathé-Archiven nicht mehr aufzufinden.

Canut Vromant folgte nach dem ersten Delinquenten und zeigte sich kühl. In seinem blassen Gesicht flatterten allerdings die Lippen in einem nervösen Zittern. Es schien, als wollte er sprechen, aber die Kraft und die Energie schienen zu fehlen, um der Stimme freien Lauf zu lassen.

Auguste Pollet war der Dritte, er wirkte blass, gab sich aber kühn, kämpfend und schreiend. Sein Wunsch, den Bruder noch einmal zu umarmen, wurde ihm verwehrt. Im Mund hatte er noch den Rest seiner Zigarette, die er während der Morgentoilette zu rauchen begonnen hatte. Sein jüngerer Bruder, der Anführer Abel Pollet, betrat abschließend und vom Publikum bereits heiß ersehnt unter einem Reigen von Flüchen die Blutbühne. Die Ausrufe „Le voilà, le voilà! C’est lui! A mort! A mort!“ (Da ist er! Da ist er! Er ist es! Tötet ihn! Tötet ihn!) beantwortete er mit den Worten: „Nieder mit den Pfaffen! Es lebe die Republik!“

Am Ende soll Anatole Deibler, der soeben seine 118. bis 121. Exekution geleitet hatte, nach Informationen des „Wanganui Chronicle“ vom 12. März 1909 den bekannten Spruch geäußert haben: „Gerechtigkeit ist getan.“ Die Vierfachhinrichtung hatte acht Minuten, von 7.24 Uhr bis 7.32 Uhr, gedauert.

„War das die neue demokratische Erziehung?“, fragte „L’Humanité“ sarkastisch und schloss, die Todesstrafe sei barbarisch und unnütz, aber man wolle sich jetzt wiederum um jene Opfer kümmern, die gänzlich unschuldig unter der aktuellen Gesellschaftsordnung zu leiden hätten.

Die „Deutsche Juristen-Zeitung“ berichtete noch im gleichen Jahr über die Vorkommnisse in Béthune (1909 Nr. 3, S. 192), der „Rosenheimer Anzeiger“ war bereits am 13. Januar 1909 auf dem neuesten Stand.

Bereits am gleichen Tag berichtete „L’Aurore“ in Paris ausführlich. Dabei wurden noch einmal alle Verbrechen zur Sprache gebracht, aber auch der traurige Akt minutiös dargestellt.

Anatole Deibler notierte in seinen „Carnets d’exécutions“ chronologisch alle Verbrechen der von ihm hingerichteten Menschen. Er verzeichnete auch die Hintergründe zur jüngsten Exekution, die er der Tagespresse entnehmen konnte, wie beispielsweise „Cherbourg-Éclair“ vom 11. Januar und „L’Echo du Finistère“ vom 16. Januar 1909. Über die Hinrichtung selbst notierte er: „Exécutés à Béthune / Le 11 janvier 1909 lundi / Les nommés Deroo Théophile – Vromant-Canut – Pollet Auguste – Pollet Abel, condamnés par la Cour d’Assises du Pas-de-Calais le 26 juin 1908, pour avoir commis une série de crimes et vols dans la région du Nord. / Tous (sic!) les quatres étaient les principaux membres de la bande de malfaiteurs dénommés ‚Les bandits d’Hazebrouck’.“

Nach der Hinrichtung wurden die Leichname, von Gendarmen begleitet, zum kleinen Friedhof, ein paar hundert Meter vom Gefängnis entfernt, wo bereits Gräber ausgehoben worden waren, transportiert. Der auf den Leichenwagen („Corbillard“) geladene quaderförmige Korb war nicht dafür ausgelegt, zwei Leichname aufzunehmen; so blieb der Deckel bei der Fahrt unverschlossen, und die Leiche von Abel Pollet ragte heraus. Es folgte eine Scheinbestattung, die nach der offiziellen Version dank der Unterstützung einer gemeinnützigen Körperschaft der Stadt namens „Die Gemeinnützigen Béthuner“ unterstützt wurde.

Anschließend wurden die Köpfe und die Leichname, deren noch gefesselte Arme schwarz befleckt zu sein schienen, „in flottem Trab“ über die Nebenstraßen zum Krankenhaus gebracht, wo an den Körpern eine Autopsie und eine physiologische Untersuchung ihrer Organe vorgenommen werden sollte.

Die Köpfe von Abel und Auguste Pollet sowie Vromant und Deroo (von links), etwa eine viertel Stunde nach der Hinrichtung. Die Köpfe der Hingerichteten sind so eng nebeneinander platziert, wie es anatomisch unmöglich wäre, besäßen sie noch einen Körper. Alster Kershaw, Die Guillotine, Hamburg 1959; ebenso Gerould Daniel, Guillotine: Its legend and lore, Blast Books, New York 1992. Digitale Sammlung Blazek

Die Köpfe von Abel und Auguste Pollet sowie Vromant und Deroo (von links), etwa eine viertel Stunde nach der Hinrichtung. Die Köpfe der Hingerichteten sind so eng nebeneinander platziert, wie es anatomisch unmöglich wäre, besäßen sie noch einen Körper. Alster Kershaw, Die Guillotine, Hamburg 1959; ebenso Gerould Daniel, Guillotine: Its legend and lore, Blast Books, New York 1992. Digitale Sammlung Blazek

Vromant-Deroo-1909

 

 

 

 

 

Dort wurde zunächst eine oberflächliche Prüfung von den Medizinern Charles Debierre, Professor für Anatomie an der medizinischen Fakultät von Lille, Jules Patoir, Professor für Rechtsmedizin daselbst, und den Ärzten Édouard Laguesse (Lille), Ferdinand Curtis, Potel, Chef der chirurgischen Klinik, und Looten vorgenommen.

Autopsiefoto des guillotinierten Kriminellen Canute Vromant, 1909. Digitale Sammlung Blazek

Autopsiefoto des guillotinierten Kriminellen Canut Vromant, 1909. Digitale Sammlung Blazek

Neue Zürcher Zeitung und schweiz. Handelsblatt vom 11. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

Neue Zürcher Zeitung und schweiz. Handelsblatt vom 11. Januar 1909. Digitale Sammlung Blazek

Es war das letzte Kapitel dieses Kriminalfalls, Mörder und Ermordete fanden am Ende fast immer ihren Platz auf den pathologischen Untersuchungstischen.

Carnets d’exécutions. Digitale Sammlung Blazek

Notizen Deiblers über seine Arbeit in Béthune. Carnets d’exécutions. Digitale Sammlung Blazek

Die „Chauffeurs de la Drôme“, die von 1905 bis 1908 ihr Unwesen trieben und insbesondere dafür berüchtigt waren, Entführungsopfer mit Feuer und Glut gequält zu haben, damit diese die Orte ihrer Ersparnisse preisgaben, wurden durch die neu aufgestellten „Brigades du Tigre“ festgesetzt, vom Assisenhof des Drôme-Departements am 10. Juli 1909 zum Tode verurteilt und am Morgen des 22. September 1909 gegenüber dem Hauptportal des Gefängnisses von Valence ebenfalls mittels Guillotine vom Leben zum Tode gebracht.

Ein Mitglied der Pollet-Bande befand sich übrigens noch lange auf freiem Fuß: Camiel „Lapar“ Guyard. Er wurde erst 1934 verhaftet und zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt. Lapar war durch einen Sprung von der Rückseite der Polizeistation ins Wasser entkommen.

Un mois chez Monsieur de Paris Anatole Deibler exécuteur des hautes œuvres, Ce soir, 18. April 1935. Digitale Sammlung Blazek

Un mois chez Monsieur de Paris Anatole Deibler exécuteur des hautes œuvres, Ce soir, 18. April 1935. Digitale Sammlung Blazek

Anatole Deibler, gewiss einer der namhaftesten Scharfrichter Frankreichs, amtierte noch bis zu seinem Tod im Jahr 1939. 395 Hinrichtungen hat er im Laufe seines Lebens begleitet, davon 299 in leitender Funktion. Auf dem Weg zu einer für den 3. Februar 1939 in Rennes geplanten Hinrichtung betrat Deibler am Morgen des 2. Februar die Métro-Station Port de Saint-Cloud in Paris, von wo aus er zum Gare Montparnasse weiterfahren wollte, wo seine Assistenten auf ihn warteten, um den Zug nach Rennes zu nehmen. Dort erlitt er einen Herzinfarkt und starb kurz darauf in einem Krankenhaus. Die Hinrichtung in Rennes wurde um einen Tag verschoben und von Desfourneaux ausgeführt, der am 17. April 1909 Georgette Rogis, eine Nichte von Deiblers Ehefrau Rosalie, geheiratet hatte und auch Deiblers Nachfolger wurde.

Deiblers insgesamt 14 Tagebücher, die nach seinem Tode im Familienbesitz verblieben waren, wurden im Februar 2003 für 100.249 Euro versteigert. In seinen Büchern bedauerte er die von Präsident Albert Lebrun am 24. Dezember 1934 ausgesprochene Begnadigung der jungen Violette Nozières, „dieser jungen Teufelin, dieser Miserablen“, zu lebenslanger Zuchthausstrafe.

 

Quellen:

Dossier de procédures, audience du 16 au 26 juin 1908, affaire Pollet et autres, Archives départementales du Pas-de-Calais, 2 U 164 bis 177.

Manuel de Kastre: „Sur les traces sanglantes de la bande Pollet“, Plein nord, avril 1989. Archives départementales du Pas-de-Calais, PC 360/16.

Paul Gosselin: „L’affaire Pollet racontée par l’Écho de la Lys. L’information sur les affaires criminelles au début du XXe siècle. Les relations de la politique avec l’information au début du XXe siècle“, Chroniques villageoises, association locale pour l’histoire de l’Artois, avril 1993. Archives départementales du Pas-de-Calais, PC 1003/1.

Bernard Schaeffer: Les grandes affaires criminelles du Pas-de-Calais, éditions de Borée, 2008. Archives départementales du Pas-de-Calais, BHB 7331.

Archives d’anthropologie criminelle, de médecine légale et de psychologie normale et pathologique, A. Rey & Cie. imprimeurs-éditeurs, Lyon 1909, S. 192, 471-477.

Carnets d’exécutions, 1885-1939, Anatole Deibler, présentés et annotés par Gérard A. Jaeger, Éditions L’Archipel, Paris 2004.

T. Van Keyveldt: De bende Pollet, Callewaert – De Meulenaere, 1909.

Hans Van Hoorenbeek (d. i. Abraham Hans): Jan De Lichte en zijn zwarte Rooverbende gevolgd door Abel Pollet en de Bende van Hazebroek, Vlaamsche Boekhandel, Antwerpen 1909.

Zeitungsartikel: L’Aurore, Paris, 11. Januar 1909 (Titelseite); Léon Rémy, „Honte nationale“, L’Humanité, 11. Januar 1909; Gustave Rouanet, „Autour de la Guillotine“, L’Humanité, 12. Januar 1909; Alexandre-Marie Derousscaux, genannt Bracke, „Autour de la Guillotine“, L’Humanité, 15. Januar 1909; A. Viollette, „Quatre bandits executés“, Le Gaulois, 12. Januar 1909; A. Thomas, „Meurtre légal“, L’Humanité, 12. Januar 1909.

 

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Der Truppenübungsplatz Munster blickt auf eine lange Tradition zurück

Oberstleutnant Paul von Hindenburg führt 1893 als erste Belegung die Truppen des Infanterieregiments 91 nach Munsterlager

Für eine neue Vitrinenausstellung in der Kaserne Panzertruppenschule in Munster ist eine Broschüre aufgelegt worden, in der manche historische Irrtümer in Bezug auf die Lagergeschichte richtiggestellt worden sind. An dieser Stelle folgt eine Zusammenfassung der aktualisierten Geschichte des Truppenübungsplatzes Munster.

Von Matthias Blazek

Munster hat sich im Laufe der Jahrzehnte zur größten Garnison der Bundeswehr im Deutschen Heer entwickelt. Seine Geschichte ist abwechslungsreich. Immer wieder wechselten dort die militärischen Verbände, je nachdem, welche politischen Verhältnisse gerade im deutschsprachigen Raum vorherrschten.

Heinrich Peters weist in seinem umfangreichen Buch „Munster“ (1997) darauf hin, dass die Entstehung der Militärlager im Nordwesten Munsters auf das Jahr 1891 zurückgehe. Damals hätte erstmals ein Korps-Manöver des X. Armee-Korps im Raum Soltau-Munster stattgefunden. Dort hätte man den Übungsraum für geeignet befunden. Ein Beleg für ein Manöver im Jahr 1891 fehlt allerdings.

Dokumente der Jahre 1892 und 1893, die in einem Rückblick „100 Jahre Soldaten in Munster 1893-1993“ abgedruckt worden sind, belegen, dass die Kaufverträge mit den Grundeigentümern 1892 und 1893 zu Papier gebracht worden sind. Federführend war die Königliche Intendantur des X. Armee-Korps in Hannover. Neben den Verkäufern unterzeichnete die Verträge stets als Vertreter des Reichs-Militärfiskus der Militair-Intendantur-Rat Zaabel.

Den Käufen vorausgegangen war die auf Antrag des Kommandierenden Generals des X. Armee-Korps, General der Infanterie Walther Bronsart von Schellendorff (1833-1914), erfolgte Bewilligung der notwendigen Mittel im Militäretat durch den Reichstag in Berlin. Nach Recherchen des Militärhistorikers Klaus Christian Richter im Soldatenjahrbuch von 1977 erkundete die 4. Eskadron des 2. Hannoverschen Dragoner-Regiments 16 (Lüneburg) das Gelände.

Dann wurden die Flächen festgestellt und die Eigentümer ermittelt. Die Militärverwaltung schickte laut Angaben des Munsteraner Stadtdirektors a. D. Heinrich Peters am 25. April 1892 eine Kommission nach Munster, um mit den Bauern über den Kauf der entsprechenden Ländereien zu reden. Peters schreibt: „Die Verhandlungen verliefen im Allgemeinen zufriedenstellend, doch gab es auch einige Besitzer, die nicht einverstanden waren und den Verkauf zu den vorgebrachten Bedingungen ablehnten, so dass es zu Enteignungen hätte kommen müssen, wenn es nicht dem Geschick des Militärintendanturrates Zaabel und dem Zureden des Provinzialforstmeisters Quaet-Faslem gelungen wäre, die Bauern in Munster von der Notwendigkeit und dem Vorteil des Verkaufs zu überzeugen. Die Kosten des Verkaufs orientierten sich an einem Durchschnittspreis von 60 Mark je Morgen Moor und 30 Mark je Morgen Heide.“

Grundlage für die vorgedruckten Kaufverträge in Sütterlinschrift waren Verfügungen des Königlichen Kriegs-Ministeriums vom 23. und 30. Mai 1892. Auf drei Seiten wurde direkt unter einer Stempelberechnung ein Kaufvertrag mit sechs Paragraphen abgebildet, dessen Lückentext ausgefüllt und am Ende mit den Ortsangaben und Unterschriften abgerundet wurde.

So erwarb das Königliche Kriegs-Ministerium nach langen Verhandlungen in den Jahren 1892 und 1893 im Raum Munster etwa 48 Quadratkilometer (19.220 Morgen) unbewohntes Moor- und Heideland, Kiefernforst und etwas Acker von verschiedenen Gemeinden der Kirchspiele Munster, Soltau und Wietzendorf, die dem neuen Truppenübungsplatz als Fläche dienen sollten. Der Gesamtkaufpreis war relativ billig und belief sich auf 1.186.813 Goldmark.

Außer Munster gaben noch Trauen, Poitzen, Reddingen, Wietzendorf, Ilster, Meinholz, Moide und Suroide Land dazu. Beispielsweise trat der Vollhöfner Heinrich Willenbockel in Meinholz am 17. März 1893 insgesamt 70 Hektar 88 Ar 78 Quadratmeter für 16.484 Mark 29 Pfennige ab, Halbhöfner Heinrich Becker in Reddingen unterzeichnete am 20. September 1892 einen Kaufvertrag, der ihm 16.583 Mark 14 Pfennige zusprach. Insgesamt mussten zwei Besitzer im Zuge der Verhandlungen enteignet werden.

Die Länge des neuen Truppenübungsplatz-Geländes betrug acht Kilometer, die Ost-West-Ausdehnung sieben Kilometer. Der tiefste Punkt lag 65,5 Meter über dem Meeresspiegel, der höchste Punkt (Kronsberg) 98 Meter. Das gesamte Gelände mit Ausnahme des Anteils von Poitzen (221 Hektar) gehörte zum Kreis Soltau.

Gleichzeitig mit den Arbeiten auf dem Übungsplatz (Planieren, Trockenlegen und so weiter) begann der Bau des Barackenlagers.

Wie es 1893 in Munster weiterging, berichtet Stadtdirektor a. D. Peters. Und außerdem: „Für den Standort waren zunächst auch Wietzendorf und Reiningen vorgesehen, doch wählte man schließlich Munster, weil hier schon Eisenbahnanschluss vorhanden war.“

Die Arbeiten, die Kosten in Höhe von etwa 400.000 Mark verursachten, gingen zügig voran, sodass am 1. Februar 1893 im Barackenlager eine Garnisonverwaltung unter Garnison-Verwaltungs-Inspektor Bergen eingerichtet werden konnte. Laut Militär-Wochenblatt war Bergen bereits am 28. Dezember 1892 vom Landwehrbezirk Crossen an der Oder nach Munster versetzt worden.

Am 12. April 1893 übernahm als erster Kommandant Oberst Eugen von Schkopp (1839-1925) aus Cottbus sein neues Amt in Munster.

Kurz vor der ersten Belegung des Lagers trafen noch einmal 100 Soldaten aus verschiedenen Regimentern ein, die hauptsächlich zu Erd- und Planierungsarbeiten herangezogen wurden, damit die ersten Truppen beim Einzug ein einigermaßen gut hergerichtetes Lager vorfanden.

Etwa 50 Gebäude waren bei der Eröffnung des Truppenlagers am 7. Juni 1893 fertiggestellt, darunter 198 Wellblechbaracken, mehrere Küchen, Speisesäle, Backöfen, Pulvermagazine, Stallungen und andere kleine Gebäude. Das Offizierskasino stand aber erst noch im Rohbau und konnte noch nicht benutzt werden. Für die Mannschaften waren sieben Kantinen errichtet, die bereits am 5. Mai 1893 an private Pächter übergeben worden waren.

Pünktlich zur Lagereröffnung zogen als erste Belegung die Truppen des Infanterieregiments 91, die in zwei Sonderzügen vom Bahnhof von Oldenburg kommend, eingetroffen waren, in Munster ein. Ihr zukünftiger militärischer Führer war Oberstleutnant Paul von Hindenburg. Von der Ankunft der Infanterie in Munster zeugt eine Postkarte, die die eingetroffenen Soldaten bei ihrem, vom Klang der Marschtrommeln begleiteten Fußmarsch zeigt. Sie nahmen den Weg über die Bahnhofstraße, die Lüneburger und die Dorfstraße (Wilhelm-Bockelmann-Straße).

Heute ist in Munster die „Hindenburg-Kaserne“ nach Paul von Hindenburg benannt.

Nach dem Infanterieregiment 91 kamen in jedem Jahr Einheiten vornehmlich vom X. Armee-Korps mit Truppen aus dem Raum Hannover-Lüneburg-Braunschweig-Oldenburg, um hier in den Sommermonaten zu üben. 5000 Soldaten zogen noch 1893 in Munster ins Manöver, 36.000 Mann und 8000 Pferde waren es auf dem Höhepunkt der Belegung.

Mit der Errichtung des Lagers, dessen Haupteingang gegenüber der Einmündung der Hindenburgallee auf die Wilhelm-Bockelmann-Straße (gegenüber vom Hotel und Restaurant Ritter-Risloh, Inh. Adolf Lücke) war, kam sehr bald ein reges Leben in das Dorf, es erweiterte sich zusehends. Gasthäuser und Geschäfte wuchsen empor. 1890 hatte Munster 495 Einwohner, 1925 waren es 2012.

Im Jahr 1895 besichtigte laut geschichtlichem Überblick in der 1928er Festschrift Seine Majestät der Kaiser, Wilhelm II. (1859-1941), erstmals das Munsterlager, und zwar in Begleitung des preußischen Kriegsministers, General Paul Bronsart von Schellendorf (1832-1891).

Gruß aus Munster, Truppen-Übungslager 1898/1901

Zur Erinnerung an Munster 1898. Am 2. Mai 1901 notiert der Schreiber in seinem Postkartengruß: „Heute glücklich in Munster angekommen sende Dir und Deiner lieben Frau u. allen Bekannten die herzl. Grüßen
Dein Br. u. Schw. Emil“

Die Kaiserbaracke hatte einen besonderen Standort. Sie wurde nur beim Besuch des Kaisers auf- und danach wieder abgebaut. Die Tatsache, dass Kaiser Wilhelm II. allein vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) den Truppenübungsplatz Munster viermal besuchte (1898, 1900, 1906 und 1913) zeigt die Bedeutung, die dieser Militäreinrichtung seitens der Staatsführung zugemessen wurde.

Der Kaiser-Stein auf dem Truppenübungsplatz Munster-Süd erinnert an den kaiserlichen Besuch am 15. August 1900. Damals nahm der Kaiser an einer Übung mit Scharfschießen des X. Armee-Korps bei Munster teil.

Das Lager erhielt im Jahr 1900 ein eigenes Postamt, das die Bezeichnung „Munster-Lager“ führte. Der Bahnanschluss (Lagerbahn) an die Reichsbahnstrecke Berlin-Bremen ließ sich erst 1918 mit Hilfe von Kriegsgefangenen verwirklichen.

Der Herbst 1901 war für das Lager eine geschichtlich besonders wichtige Epoche. Damals kehrte das Ostasiatische Expeditionskorps, das unter General Alfred Graf von Waldersee (1832-1904) den chinesischen Boxeraufstand in Taku, Tientsin und Peking niedergeschlagen hatte, nach Deutschland zurück und wurde hier aufgelöst. Mit den Truppentransporten der Schiffe „Bayern“, „Dresden“, „Batavia“, „Stuttgart“ und „Neckar“ kamen 138 Offiziere, 621 Unteroffiziere und 4463 Mann. Später kamen dann noch die Ersatztruppen zurück, die hier zusammengestellt worden waren (zwei „Silvia“-Transporte, „Willehad“-Transport).

Im Januar 1904 brach im deutschen „Schutzgebiet“ Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, der historisch bedeutende Aufstand der Herero aus. Zur Verstärkung der dortigen Schutztruppe wurden in den Munster in den Jahren 1904-1906 mehrere Expeditionen zusammengestellt, zu denen sich viele abenteuerlustige Soldaten als Freiwillige meldeten. In Munster befand sich auch die Sammelstelle der Pferde. Mehrere 1000 Pferde wurden von dort abtransportiert. Abordnungen sämtlicher deutschen Kavallerie-Regimenter (20 Offiziere, 950 Mann) waren dazu dorthin kommandiert.

In Munster-Lager wurden die Soldaten nur wenige Wochen auf ihren Einsatz vorbereitet, dann ging es per Schiff nach Afrika. „Die neuen Schutztruppler waren bei den Geschäftsleuten sehr beliebt, da sie alle 200 Mark als Ausrüstungsgeld erhalten hatten und die nagelneuen Goldstücke mehr oder weniger zweckmäßig anzulegen suchten“, so Heinrich Peters.

Ein geschichtlich interessanter Tag ist derjenige des gleichzeitigen Besuchs aller Kriegsminister der deutschen Bundesstaaten in großer Gala im Jahr 1905. Die einzelnen Minister wurden in mit acht Pferden bespannten Wagen von der Bahn abgeholt.

Der Standort des Kommandanten war von Anfang an bis 1. Juli 1909 die Kreisstadt Soltau, die dazu ein eigenes Gebäude errichtet hatte (die spätere landwirtschaftliche Schule). Am genannten Tag siedelte Generalmajor Ernst Wettich (1851-1915) nach Munsterlager über.

Im Jahr 1912 wurde Munster zum ersten Mal Garnison. Vorher war das Truppenlager nur in den Sommermonaten belegt gewesen, seit 1912 aber hielten sich hier Soldaten ganzjährig auf. Das Telegrafenbataillon Nr. 6 wurde in Munster stationiert. Die Truppe erhielt als Unterkunft das Telegrafenlager am Kummerlandweg als ständige Unterkunft.

In Anwesenheit des Kaisers fand im August 1913 das große Kaisermanöver statt, an dem die Divisionen B und C mit 12 Regimentern beteiligt waren. Es war gleichzeitig auch das letzte Manöver. In der Festbroschüre von 1928 schwärmt der Chronist: „Das größte Manöver, das der Übungsplatz erlebte, war das Kavallerie-Manöver von 1913. Unser stattliches Friedensheer zeigte sich da in seinem vollsten, bunten Glanze. Zugleich sah man da zum erstenmal die feldgraue Uniform auftauchen. 1913 waren 44 verschiedene Truppenteile hier.“

Mit Kriegsausbruch am 1. August 1914 wurde das Lager durch das sofortige Abrücken der dort weilenden Truppenteile (Infanterieregiment 75 und 76, Artillerie-Regimenter 24 und 60) schnell leer, doch nur, um nach kurzer Zeit einer starken, neuartigen Belegung Platz zu machen.

Um 1919 entstand dem Munster-Lager eine neue Aufgabe. Es wurde ein Durchgangslager (Dulag) für die heimkehrenden deutschen Kriegsgefangenen, zusammen etwa 7500 Mann, denen unter Mitwirkung der Ortseinwohner ein freundlicher Empfang bereitet wurde. Das Lager wurde eingerichtet von Major v. Alten. Die Heimkehrer wurden entlaust, neu eingekleidet und entlassen.

Am 10. Oktober 1919 wurde im Risloh-Lager ein Durchgangslager für deutsche Flüchtlinge aus dem Osten – 500 Volksgenossen – eingerichtet.

Im Frühjahr und Herbst 1921 überzeugten sich die höheren Stellen (auch das Kriegsministerium) von dem Zustand des Lagers. Man wollte die ganze 6. Division der neuen Reichswehr zu Übungen in Munster zusammenziehen. Dazu baute man etwa 40 Baracken im Risloh-Lager zu Pferdeställen um. Das Lager wurde vielfach verbessert und wiederhergestellt, sodass schon im September 1921 die ersten Divisions-Übungen abgehalten werden konnten.

Vom 17. bis 20. August 1928 fand in Munster (Lager) eine Wiedersehensfeier des ehemaligen X. Armee-Korps statt. Aus diesem Anlass erschien eine Festbroschüre mit einem geschichtlichen Rückblick auf die zurückliegenden 35 Jahre.

Für August 1935 setzte der General der Panzertruppe Oswald Lutz (1876-1944) vierwöchige Übungen mit einer Übungs-Panzer-Division auf dem Übungsplatz Munster-Lager an, die aus den bisher in der Umstellung begriffenen Einheiten gebildet wurde. Die Führung der Division hatte Generalleutnant Maximilian Freiherr von Weichs (1881-1954) mit dem Stab der 3. Kavallerie-Division.

Aus dem Gasplatz Breloh im Norden Munsters wurde 1935 der Truppenübungsplatz Munster-Nord. Das Heereswaffenamt beschloss bereits in jenem Jahr, dass Gas- beziehungsweise Kampfstoff-Munition für die Wehrmacht hergestellt werden sollte.

Die britische Besatzungsmacht richtete 1945 in den ausgedehnten militärischen Liegenschaften der Wehrmacht das größte Entlassungslager für kriegsgefangene Soldaten der Wehrmacht ein. Nach zuverlässigen Angaben von Mitarbeitern der Lagerverwaltung wurden in Munster und Breloh etwa 1,7 Millionen Kriegsgefangene entlassen und in ihre Heimat gebracht. Im Lager Hornheide entstand das Flüchtlingslager Breloh.

Von 1945 bis 1949 bestand in Munsterlager ein typisches DP-Lager, ein Lager für Displaced Persons, Heimatlose Ausländer, das 1600 Ukrainer aufnahm. Im Juli 1946 trafen die ersten 2000 Seagull-Gefangenen in Munsterlager, dem zentralen Durchgangs- und Verteilungslager der britischen Zone in der Lüneburger Heide, ein. 1951 ging aus der GCLO (German Civil Labour Organisation) die GSO (German Service Organisation) hervor. Die GCLO übernahmen zum Teil die Arbeiten der Dienstgruppen im Munster-Lager. Sie wurden unter anderem auf den Schreibstuben und zu Kontrollzwecken im Lager eingesetzt.

1954 übernahm der Bundesminister für Verteidigung das Gelände des Truppenübungsplatzes Munster. Das Munster-Lager wurde 1956 Standort für bedeutende militärische Einrichtungen der neu geschaffenen Bundeswehr. Fast zeitgleich wurden Truppenübungsplatzkommandantur, Standortverwaltung, Panzertruppenschule, Panzergrenadierschule, Panzerlehrbataillon, Panzergrenadierlehrbataillon, Erprobungsstelle und andere Einheiten und Dienststellen aufgebaut. Daraus entwickelte sich die größte Garnison der Bundeswehr im vereinigten Deutschland. Die britischen Stationierungsstreitkräfte, die seit Kriegsende in Munster eine Garnison unterhielten, gaben diese 1993 endgültig auf und verließen Munster.

Das Gelände, das ursprünglich für Manöver und Truppenbewegungen genutzt wurde, wird seit Aufstellung der Bundeswehr als Artillerie-Schießplatz verwendet. Er hat heute eine Größe von 7400 Hektar und liegt in den Landkreisen Heidekreis und Celle. Im Norden reicht der Platz bis an die südliche und westliche Stadtgrenze von Munster. Im Osten reicht er bis Trauen und Poitzen. Die südliche Grenze liegt bei Reiningen beziehungsweise Wietzendorf. Im Westen bildet über weite Strecken die Aue, ein Nebenfluss der Wietze, die Grenze. Auf dem speziell für Rohr-, Raketenartillerie und Mörser angelegten Platz wird von Außenfeuerstellungen in den Truppenübungsplatz hineingeschossen.

 

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In Adelheidsdorf steht ein denkmalgeschütztes Bahnwärterhaus aus dem Jahr 1845

In Adelheidsdorf steht ein denkmalgeschütztes Bahnwärterhaus aus dem Jahr 1845

„Das Bahnwärterhäuschen in Adelheidsdorf, Auestraße, wurde in das Verzeichnis der Baudenkmale aufgenommen.“ Mit diesen Worten trug das Niedersächsische Landesverwaltungsamt in Hannover in einem Schreiben an die Samtgemeinde Wathlingen am 2. November 1994 dem Umstand Rechnung, dass in der Gemeinde Adelheidsdorf eines der letzten Bahnwärterhäuser in seiner ursprünglichen Gestalt steht.

Mit der Eröffnung der Bahnstrecke Lehrte-Celle war auch der Bau von sechs, auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Adelheidsdorf befindlichen Bahnwärterhäusern mit den Nummern 41 bis 46 abgeschlossen. Die Nummern wurden von der Königlichen Eisenbahndirektion zu Hannover gerechnet. Sie änderten sich mehrfach, so zuerst in 20 bis 25, dann in 13 bis 18, und zuletzt hatten sie die Nummern 35 bis 40 – in direkter Anlehnung an ihre Kilometer-Entfernung vom Hauptbahnhof in Hannover auf dem Schienenweg.

Das Bahnwärterhaus an der Auestraße im Jahr 2008. Foto: Matthias Blazek

Das Bahnwärterhaus an der Auestraße im Jahr 2008. Foto: Matthias Blazek

Die vielen Bahnübergänge in diesem Streckenabschnitt waren in früheren Zeiten notwendig, da der Bahnkörper die alten Wirtschafts- und Verbindungswege durchschnitten hatte.

Die Eisenbahnstrecke Lehrte-Celle wurde im Jahre 1845 in Betrieb genommen. Sie ist eine der ältes­ten Bahnlinien Deutschlands überhaupt. Sie verläuft schnurgerade vom Kopfbahnhof Lehrte über Aligse, Burgdorf, Otze, Ehlershausen nach Celle und in der zwei Jahre jüngeren Verlängerung bis nach Harburg. Sie wurde am 15. Oktober 1845 dem öffentlichen Verkehr freigegeben.

Die Hannoverschen Staatsbahnen legten von Anfang an großen Wert auf die Sicherung der Weg­übergänge. Bereits 1845 gab es auf der Strecke Lehrte-Celle an allen Wegübergängen eine Sicherung mit so genannten „Barrieren“. Jeder Bahnwärter hatte eine oder mehrere solcher Barrieren zu bedienen, die fünf Minuten vor der voraussichtlichen Durchfahrt geschlossen sein mussten. Glockenschläge kündigten jedes beabsichtigte Schließen an. „Schiebebarrieren“ in der Nähe eines Postens bediente der Bahnwärter per Hand. Barrieren auf der Strecke wurden mittels eines Drahtzuges geöffnet. Geschlossen wurden sie durch Nachlassen des Drahtes und durch das Eigengewicht der Bäume.

Der Wegeübergang und das Wärterwohnhaus in Posten 13 wurden geschaffen, weil dort der alte Wirtschaftsweg von dem herrschaftlichen Vorwerk Müggenburg nach dem herrschaftlichen Müggenburger Moor führte. Die Namen der Bahnwärterfamilien, die dort gelebt haben, sind nur lückenhaft überliefert: Knigge (1858), Runge (1866), Christian Enghausen (1896-1926), Maier und Frieda Busse (ab 1935). Schrankendienst haben dort allerdings mehrere Schrankenwärter aus Adelheidsdorf geleistet. Mitunter waren es Kriegsbeschädigte des Ersten Weltkriegs.

Als Joseph Maibaum wegen der Aufhebung der Zollbestimmungen seinen Dienst als Zolleinnehmer bei der Müggenburg 1872 aufgeben musste, trat er den Dienst als Bahnwärter bei Posten 13 an. Das von 1922 bis 1924 geführte Personenverzeichnis der Gemeinde Müggenburg nennt gesondert unter einem halbseitigen Abschnitt Adelheidsdorf die Bewohner der Bahnposten 13 und 14. Aufgeführt ist dort das Bahnwärterehepaar Enghausen. Christian Enghausen, geboren am 7. September 1852 in Westercelle, führte dort die Berufsbezeichnung Weichenwärter, seine Ehefrau Johanne wurde am 14. September 1848 in Celle geboren.

Im Jahr 1966 wurden verschiedene Bahnübergänge dichtgemacht und sukzessive die alten Bahnwärterhäuser abgerissen. Die Schranke in Posten 13 wurde in der folgenden Zeit von 22 Uhr bis 5 Uhr von Posten 14 (Hauptstraße, Eitzert) Tag und Nacht mitbedient. Die letzten Schrankenwärter waren in Posten 13 Otto Reimann, Ernst König, Helmut Renner, Otto Schreier, Johann Tamm und Bernhard Manns.

 

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