Ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte: Hexenprozesse, Galgenberge, Hinrichtungen, Kriminaljustiz

Ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte: Hexenprozesse, Galgenberge, Hinrichtungen, Kriminaljustiz in Hannover vom Mittelalter bis 1866

Ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte: Hexenprozesse, Galgenberge, Hinrichtungen, Kriminaljustiz
in Hannover vom Mittelalter bis 1866

Ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte: Hexenprozesse, Galgenberge, Hinrichtungen, Kriminaljustiz

in Hannover vom Mittelalter bis 1866

14 Jahre nach seinem mit großem Interesse aufgenommenem Buch über die Kriminalgerichtsbarkeit im Fürstentum Lüneburg legt der Historiker Matthias Blazek nun ein ebenso umfangreiches Werk über die historischen „peinlichen Strafen“ in seiner Heimatstadt Hannover nach. Für sein einzigartiges Kompendium hat Blazek die verfügbaren Darstellungen hannoverscher Chronisten und Historiographen ausgewertet und Nachrichten in alten Zeitungen systematisch gesichtet. So ist es ihm gelungen, einen detailreichen Überblick über das historische Geschehen rund um öffentliche Bestrafungen an Leib und Leben im Hannöverschen zu geben. Ein Muss für Heimatkundler, Hannoveraner und Niedersachsen!

ibidem-Verlag, Stuttgart 2020
ISBN 978-3-83821-517-4
320 Seiten, Paperback, 29,90 €
Tel. 0711/9807954

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www.ibidemverlag.com

 

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Briefe aus der Jugend in der NS-Zeit

Briefe aus der Jugend in der NS-Zeit

– Aus dem Leben von Ruth Bulwin, die als Schreibkraft in der Gestapo-Leistelle in Prag arbeitete –

Mit dem vorliegenden Band legt Matthias Blazek die zeithistorisch wichtigen, da exemplarisch verstehbaren Briefe von Ruth Bulwin in editorischer Ausarbeitung vor. Ruth Bulwin wuchs in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus auf und wurde wie die meisten Mädchen ihres Alters erzogen in und geprägt von der nationalsozialistischen Ideologie. Bulwin schrieb als Mädchen und junge Frau Briefe an ihre Eltern, die einen authentischen Einblick geben in das Leben in den 1930er- und 40er-Jahren im nationalsozialistischen Deutschland und Zeugnis ablegen von der politisch-naiven, relativen Unbeschwertheit eines jungen Mädchens in den Jahren 1936 und 1937 und schließlich von immer größeren Nöten und dem Alltag im Krieg ab 1939 berichten. Der vorliegende Band ergänzt unsere Kenntnisse über das Alltagsleben im NS-Staat um wertvolle Details.

ibidem-Verlag, Stuttgart 2020
ISBN 978-3-8382-1507-5
Cover-Artwork: Josefine Berndt
Lektorat: Andreas Babel
142 Seiten, Paperback, mit Farbseiten, 18,80 €
Tel. 0711/9807954

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Die erfolgreiche Revue „Casanova“ findet heute vor 90 Jahren ihren Abschluss

Vor 90 Jahren endete das erste Engagement der Comedian Harmonists

Vor 90 Jahren, am 28. Februar 1929, hatte die epische Revue „Casanova“ im Großen Schauspielhaus in Berlin ihre Schlussveranstaltung. Seit der Premiere am 1. September 1928 waren die Comedian Harmonists, ein junges Gesangsquintett mit Klavierbegleitung, denen nun eine große Karriere bevorstand, mit dabei gewesen. Sie hatten sich nach nicht einmal einem halben Jahr harter Probenarbeit auf die Bretter gewagt, die die Welt bedeuten.

Was sich 1928 musikalisch in Berlin abspielte, ging wohl an niemandem spurlos vorbei. Die Comedian Harmonists, im Winter 1927/28 gegründet, hatten nach den im Musikgeschäft üblichen Anlaufschwierigkeiten die Herzen der Menschen im Sturm erobert. Ab 1929 gab es ihre Musik dann auch endlich auf Schellack-Platte, der Vorläuferin der Vinylschallplatte, und zwar immer mit einem Lied auf der einen und einem Lied auf der anderen Seite.

Harry Frommermann (1906-1975), Robert Biberti (1902-1985), Asparuch „Ari“ Leschnikoff (1897-1978), Roman Cycowski (1901-1998), Walter Nußbaum, über den so gut wie nichts bekannt ist (immerhin hatte er später erfolglos gegen seinen Rauswurf geklagt), und der Pianist Erwin Bootz (1907-1982) waren die Musiker, die sich nach den ersten Monaten der Probenarbeit und mehreren Umbesetzungen unter dem anfänglichen Namen „Melody Makers“ in Berlin-Friedenau gefunden hatten.

Sie probten im Sommer des Jahres 1928 im Musiksalon der Stummfilmdiva Asta Nielsen (1881-1972) und hatten an einem Augusttag den Künstleragenten Bruno Levy, einen entfernten Verwandten Frommermanns, zu Gast. Der war seinerseits so sehr überzeugt, dass er sie spontan am Fernsprecher dem Berliner Operetten-Produzenten Erik Charell (1894-1974) anpries. „Die sind ja besser als die Revelers, ja, noch nie aufgetreten“, sagte er ihm, vergleichend mit einem damals sehr erfolgreichen amerikanischen Vokal-Quartett.

Der Berliner Varietékönig biss an, und das Sextett fuhr mit seinem Agenten zum Großen Schauspielhaus an der Friedrichstraße, um erneut vorzusingen. Charell zeigte sich begeistert, bot aber zu wenig Gage. Levy lehnte dankend ab und fuhr mit den „Melody Makers“ zum Operettenregisseur Herman Haller (1871-1943) im Admiralspalast, der schriftlich bescheinigte, dass er auf jeden Fall die doppelte Gage bieten würde. So engagierte schließlich doch Charell die jungen Künstler für seine Operette „Casanova“.

Ankündigung der Revue „Casanova“ im „Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“
Bislang unveröffentlicht: Die Ankündigung der Revue „Casanova“ im „Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ vom 1. September 1928 (S. 11). Repro: Blazek

Charell sorgte dafür, dass die Musiker eine Abendgage von 16,- Mark für jeden bekamen. Sie sollten als Unterhalter zwischen den Umbauten auftreten und hatten auch eine „Pendelerlaubnis“ – das heißt, sie durften auch anderswo auftreten.

Das erste Bühnen-Engagement stand bereits kurz bevor, die Premiere der Operetten-Revue „Casanova“ im Großen Schauspielhaus war für Sonnabend, 1. September 1928, 19:30 Uhr, vorgesehen. Lediglich mit dem Namen des Gesangsensembles war Erik Charell noch nicht zufrieden. Durch ihn und die Librettisten Rudolph Schanzer (1875-1944) und Ernst Welisch (1875-1941) wurde sogleich der Gruppenname „Comedian Harmonists“ geschaffen und ohne Gegenwehr von den Musikern angenommen.

Spanisches Ständchen mit den kostümierten Comedian Harmonists
Spanisches Ständchen mit den kostümierten Comedian Harmonists in der Operette „Casanova“ im Großen Schauspielhaus zu Berlin, 1928. Repro: Blazek

Als böhmische und venezianische Musikanten gekleidet, sollten die Comedian Harmonists in den Zwischenakten der Operette „Casanova“ von Ralph Benatzky (1884-1957) auftreten.

Schon wenige Tage später, am 18. August 1928, nahm das „Gesangsquintett COMEDIAN HARMONISTS vom großen Schauspielhaus“ erste Plattenaufnahmen für den Lindström-Konzern (Odeon) auf, die aber erst später veröffentlicht wurden: „Ein bißchen Seligkeit“, „Ich hab ein Zimmer, gnädige Frau“, „Ninon“ und „Du hast mich betrogen“. Insgesamt 23 Titel nahmen sie während der sechs Monate währenden Zusammenarbeit mit Erik Charell auf. Am 22. Oktober 1928 erhielten die Comedian Harmonists schließlich auf Anregung von Georg von Wysocki (1890-1973), künstlerischem Leiter bei „Lindström-Odeon“, einen Schallplatten-Jahresvertrag bei der Lindström-Gesellschaft.

Die Premiere der Operette „Casanova“ am 1. September 1928 wurde ein großer Erfolg. In sieben Bildern wurden Episoden aus dem aufregenden Leben des legendären Charmeurs Casanova erzählt. Fünf Monate lang war die Operette nach einem Libretto von Rudolph Schanzer und Ernst Welisch jeden Abend aufs Neue ausverkauft. Auf dem Titel des Verlagsmanuskripts stand: „Musik von Johann Strauß, arrangiert von Ralph Benatzky“. Benatzky hatte für seine Partitur bekannte und unbekannte Kompositionen des Wiener „Walzerkönigs“ Johann Strauss (1825-1899) arrangiert.

„Casanova — Mensch und Operette. So steig’ denn noch einmal empor, du alter Abenteurer, du Held in tausend Liebesschlachten ! Komm heraus, Dachs, aus deinem Bau im dunklen Dux! Erscheine, Sohn von Schauspielern! Selbst Schauspieler, Abbate, Soldat, Fechter, Gelehrter, Musiker, Dichter, Spieler und — peinlich ist’s zu sagen — Falschspieler, Diplomat, Agent, Kuppler, Zauberer, Goldmacher !“

(Der Querschnitt, 1928, S. 742)

Spätestens seit dem Tag der Uraufführung von „Casanova“ war der Name „La Jana“ zumindest allen Berlinern ein Begriff. Die aus Österreich stammende hübsche Tänzerin und Schauspielerin La Jana, eigentlich Henriette Hiebel (1905-1940), wurde in der Operette auf einem Silbertablett nackt auf die Bühne getragen.

Ferner wirkten mit das Orchester des Großen Schauspielhauses Berlin unter der musikalischen Leitung von Kapellmeister Ernst Hauke und als Darsteller Michael Bohnen, Emmy Sturm, Anni Frind, Anny Ahlers, Trude Lieske, Fritz Blankenhorn, Siegfried „Sig“ Arno, Paul Morgan, Wilhelm Bendow, Hermann Picha und weitere sowie die Comedian Harmonists.

„So sangen sie denn, stilgerecht als venezianische, spanische und böhmische Musikanten gekleidet, die Intermezzi zwischen den Akten, die ursprünglich als Orchesterstücke gedacht waren“, resümierte der Comedian-Harmonists-Biograf Peter Czada (1936-1999) in seinem Buch „Comedian Harmonists – Ein Vokalensemble erobert die Welt“ (Hentrich, Berlin 1993).

Die kulturinteressierte Berliner Presse war voll des Lobes über die noch unbekannten Sänger, die sechs Monate lang jeden Tag in der Revue auftraten. Die „Deutsche Tageszeitung“ schrieb: „Eine aparte Spezialität sind die Comedian Harmonists, eine Truppe von Brumm- und Säuselsängern, die Musikinstrumente und Jazzkapelle verblüffend originell imitieren.“ Oscar Bie (1864-1938), Musikkritiker des „Berliner Börsen-Couriers“, lobte: „Eine groteske Sängertruppe, Comedian Harmonists genannt, unterhält uns in den Pausen besonders amüsant mit dem Vortrag spanischer, böhmischer und venezianischer Ständchen im Kostüm, nicht bloß der Tracht, auch der Marianne Stanior, Robert Bibertis ‚Sunshine-Girl‘ Stimme.“

Die Comedian Harmonists begründeten mit ihrem Auftritt als Straßensänger ihren Weltruhm. Innerhalb weniger Monate machten sie sich im Großen Schauspielhaus (dem heutigen Friedrichstadt-Palast), der sich zwischen Schiffbauerdamm und Reinhardtstraße befand, einen Namen. Das Engagement dauerte zunächst bis zum 31. Dezember, wurde aber später bis Ende Februar 1929 verlängert.

Da sie eine „Pendelerlaubnis“ hatten und so auch außerhalb auftreten durften, traten die Comedian Harmonists nebenbei in Nachtlokalen und ab dem 16. Oktober 1928 in Kurt Robitscheks „Kabarett der Komiker“ am Lehniner Platz, der damals wohl angesagtesten Kleinkunstbühne, auf. Im selben Programm waren Trude Hesterberg, Hans Moser, Max Adalbert, Paul Morgan und Willy Rosen zu sehen.

Am 1. März 1929 folgte im Hamburger Hansa-Theater das erste Gastspiel außerhalb Berlins, 14 Tage später, am 16. März 1929, wurde der Vertrag mit Walter Nußbaum – aus heute unbekannten Gründen – gekündigt. Er wurde zunächst durch den 2. Tenor Willi Steiner und wenig später durch Erich Abraham-Collin (1899-1961), einen Freund von Erwin Bootz, ersetzt. Bald darauf ging es für das Gesangssextett auch in andere deutsche Städte, nach Köln und Ende 1929 nach Leipzig.

Nach der Schlussvorstellung von „Casanova“ am 28. Februar 1929 folgte im Großen Schauspielhaus – nach einem Tag Umbauphase – die Operette in drei Akten „Der liebe Augustin“ mit Alfred Braun (1888-1978) und Mady Christians (1896-1951). Im „Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ wurde am 27. Februar 1929 angekündigt: „Am Sonnabend, 2. März, 7½ Uhr, findet im Großen Schauspielhaus die Premiere des „Lieben Augustin“ mit Alfred Braun, Mady Christians, Trude Lieske, Siegfried Arno, Paul Morgan, Paul Westermeier und Gustav Matzner in den Hauptrollen statt. Freitag, 1. März, bleibt das Theater wegen Vorbereitung zur Premiere geschlossen.“

 

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Der „Original-Knigge“ erschien im März 1788 in der Schmidtschen Buchhandlung in Hannover

Der „Original-Knigge“ erschien im März 1788 in der Schmidtschen Buchhandlung in Hannover 

Vor 230 Jahren erschien das Buch „Über den Umgang mit Menschen“. 

Von Matthias Blazek

Originalausgabe von „Über den Umgang mit Menschen“, 1788

„Mit Churfürstlich Sächsischem Privilegio“ – Titelblatt der Originalausgabe von „Über den Umgang mit Menschen“, 1788. Wikipedia, gemeinfrei

Der Moralphilosoph und Aufklärer Adolph Freiherr Knigge (1752-1796), der im Deister, einem Höhenzug südlich von Hannover, das Licht der Welt erblickt hatte, hatte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert intensiv mit dem Umgang mit Menschen beschäftigt. Er war 36 Jahre alt, da erschien sein bis heute hochgeschätztes Werk „Über den Umgang mit Menschen“ in seiner ersten Auflage.

Knigge, geboren am 16. Oktober 1752 zu Bredenbeck, war ein kurzes Leben beschieden. Er war 43 Jahre jung, als er als Königlich Großbritannischer Oberhauptmann in Bremen nach einigen kränklichen Jahren am 6. Mai 1796 sein Leben aushauchte.

Sein berühmtestes Werk, „Über den Umgang mit Menschen“, erschien im März 1788 „mit Churfürstlich Sächsischem Privilegio“ in der Schmidtschen Buchhandlung in Hannover. Der I. Teil umfasste 270, der II. Teil 336 Seiten. Über die Neuerscheinung schrieb die „Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung“, St. CLXX. Julius 1788, S. 1356: „Ein philosophisches Werk über diesen interessanten Gegenstand, auf psychologische Kenntniß der menschlichen Natur gegründet, und durch hinlängliche Weltkenntniß aufs wirkliche Leben angewendet, wäre allerdings eine der wichtigsten Erscheinungen des achtzehnten Jahrhunderts. Die Summe menschlicher Glückseligkeit könnte ein starkes Plus dadurch erhalten. Es müßte gleichsam ein moralischer Atlas, und eine practische Casuistik seyn, wonach der unerfahrne Fremdling in der Welt seine Wanderung einrichten, bey jeden Vorfallenheiten seine Schritte sicher leiten, und der practische Mann auf die Menschen wirken könnte. (…)“

Adolph Freiherr Knigge hatte das Buch, „zurückgezogen von dem Umgange mit Menschen“, von Herbst 1787 bis Frühjahr 1788 zu Papier gebracht. „Er hielt es für nöthig, sich über seinen Beruf zur Abfaßung eines solchen Buches auszusprechen“, so der aus Celle stammende, bekannte Literaturhistoriker Karl Goedeke (1814-1887) in seiner Knigge-Biographie (Adolph Freiherr Knigge – Knigges Leben und Schriften, Hannover, im Verlage der Hahn’schen Hofbuchhandlung, 1844). Knigge, der von der Ostermesse 1779 bis zu seinem Tod als einer der fleißigsten, zuverlässigsten und pünktlichsten Rezensenten der „Allgemeinen deutschen Bibliothek“ galt (Lichtenberg Jahrbuch 2010), hatte im Mai 1787 ein Gartenhaus in Hannover in der Calenberger Neustadt bezogen und lebte dort mit seiner Familie bis November 1790.

In der Vorrede zu den ersten beiden Auflagen seines Buches „Über den Umgang mit Menschen“ schrieb der Autor: „Übrigens habe ich dies Buch nicht flüchtig niedergeschrieben, wie wohl andre meiner Schriften, sondern lange an den Materialien dazu gesammelt – Es enthält Resultate aus meinem ziemlich unruhigen Leben unter Menschen mancher Art. Bey dem veränderlichen und leichtfertigen Geschmacke des deutschen Publikums und der übertriebenen Nachsicht, mit welcher dasselbe unbedeutende Romane, leere Journale, platte Schauspiele und nichtswürdige Anekdoten-Sammlungen aufnimmt, möchte es zwar kaum einer Entschuldigung bedürfen, wenn man diesen größern Theil des Publikums nicht so sehr respektirte, daß man streng gewissenhaft in Wahl und Ausfeilung der Produkte wäre, welche man in die gelehrte Welt schickt.“

Göttingische Anzeigen vom 10. April 1788

Rezension in den Göttingischen Anzeigen vom 10. April 1788. Digitale Sammlung Blazek

Als das Buch ein Jahr vor der französischen Revolution in der Schmidtschen Buchhandlung erschien, wurde es sofort ins Holländische, Dänische und Englische übersetzt.

Das Werk hatte Knigge übrigens Emilie von Berlepsch, geborene von Oppel (1755-1830), die einige Zeit in Hannover lebte und damals noch mit dem Juristen und Regierungsrat in Ratzeburg Friedrich Ludwig von Berlepsch verheiratet war, gewidmet.

Die Schmidtsche Buchhandlung an der Langenstraße in Hannover, die „Über den Umgang mit Menschen“ im März 1788 erstmals auflegte, war von Johann Wilhelm Schmidt 1743 in Göttingen gegründet worden und hatte eine Filiale in Hannover. Knigge veröffentlichte bei Schmidt außer „Über den Umgang mit Menschen“ (1788) „Dramaturgische Blätter“ (1788/89), „Philo‘s endliche Erklärung und Antwort“ (1788) und „Geschichte des armen Herrn von Mildenburg“ (Erster Teil, 1789). 1789 übernahm der junge, 1762 geborene Buchhändler und Sohn eines Ratsherrn Christian Ritscher den Betrieb, nachdem er soeben die Konzession zum Buchhandel auf der Neustadt Hannover erworben hatte. Im Jahr 1800 erwarb Heinrich Wilhelm Hahn (1760-1831) die inzwischen insolvente Buchhandlung Ritscher in Hannover und übernahm zugleich die Rechte an Knigge. Die Ritscher’sche Buchhandlung wird aber noch bis 1818 als Verlag der zehnbändigen Ausgabe von einigen Knigge-Werken genannt.

Die Hahnsche Buchhandlung (Gebrüder Hahn) gab nach der 8. Auflage 1804 nur noch die Bearbeitungen des Pfarrers Friedrich Philipp Wilmsen (1770-1831) und des jungen Literaturhistorikers Karl Goedeke heraus.

Im „Tagebuch einer der Kultur und Industrie gewidmeten Reise“ heißt es 1809: „Buchdruckereien gibt es sechs in Hannover. Buchhandlungen drey, nämlich die von Helwing, Gebrüder Hahn, und Ritscher. Von der letzteren sind die Gebrüder Hahn auch Eigenthümer, und beschäftigen, außer zwei Druckereien in Hannover, eine in Hameln, eine in Königslutter, eine in Eimbeck, eine in Braunschweig und mitunter die in Göttingen.“

Der Germanist Karl-Heinz Göttert schreibt 2015 in der bei Reclam erschienenen Ausgabe von „Über den Umgang mit Menschen“: „Als der Umgang mit Menschen 1788 in Hannover erstmals erschien, deutete noch nichts auf den beispiellosen Siegeszug hin. Knigge hatte sich bislang mit Romanen einen noch sehr bescheidenen Namen gemacht. Der Sohn einer alten Adelsfamilie schlug sich nach dem Bankrott seines Vaters mehr schlecht als recht durchs Leben, suchte einen Aufstieg in der Freimaurerei, der nach Jahren emsigsten Bemühens gerade gescheitert war.“ 

Noch im gleichen Jahr, 1788, erschien eine zweite, „verbesserte“ Auflage, die maßgebliche dritte Auflage von „Über den Umgang mit Menschen“ wurde 1790 in Hannover aufgelegt. Zu den – auch unter dem Einfluss der Französischen Revolution – vorgenommenen Veränderungen schreibt Karl Goedeke in der Einleitung zur „aufs Neue durchgesehenen“ 13. Auflage des „Original-Knigge“ (Hannover, Hahn‘sche Hof-Buchhandlung, 1853): „Was die französische Revolution zu Tage brachte und in der ersten Auflage vom Jahre 1788 noch nicht vorhanden sein konnte, finden wir bereits in der dritten von 1790. Und jede Auflage bis zur dritten einschließlich ist mit Nachbesserungen, Veränderungen, und Umgestaltungen versehen worden.“ 

Bis 1922 erschienen insgesamt zwanzig Originalausgaben von „Über den Umgang mit Menschen“.

Literatur:

»… in mein Vaterland zurückgekehrt.«, Adolph Freiherr Knigge in Hannover 1787-1790, hrsg. von Paul Raabe, Göttingen 2002.

Adolf Freiherr Knigge/Friedrich Nicolai, Briefwechsel 1779-1795, hrsg. von Mechthild und Paul Raabe, Göttingen 2004.

Adolph Freiherr Knigge Briefwechsel mit Zeitgenossen 1765-1796, hrsg. von Günter Jung und Michael Rüppel, Göttingen 2015.

 

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Matthias Blazek: Mord und Sühne

Standardwerk zur vorletzten öffentlichen Hinrichtung in Deutschland (1864)

Ludwig Hilberg büßte 1864 auf dem Rabenstein bei Marburg für seine Mordtat.

Mord und Sühne

Der Prozess gegen den Schuhmacher Ludwig Hilberg, der 1864 vor großem Publikum hingerichtet wurde

Öffentliche Hinrichtungen gab es in Hessen bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus. Letztmalig fand eine öffentliche Hinrichtung bei Marburg 1864 nach einem Mord an einer schwangeren jungen Tagelöhnerin statt: Der Schuhmacher Ludwig Hilberg aus dem kurhessischen Ockershausen bei Marburg an der Lahn schnitt am Vormittag des 9. September 1861 seiner Geliebten Dorothea Wiegand die Kehle durch, weil sie von ihm schwanger war und er eine Heirat mit ihr ablehnte. Drei Tage später fand der »Forstlaufer« Lorenz Reinhardt die Leiche mit durchschnittener Kehle und durch zahlreiche Messerstiche entstellt am Südhang des Dammelsberges.

Im Juni 1864 endete der Prozess gegen Hilberg mit einem Schuldspruch sowie der Verurteilung zur Enthauptung. Bald nach dem Urteil gestand Hilberg doch noch die Tat: Weder hatte er Dorothea Wiegand heiraten wollen, da sie im Ort allseits als  »das Hinkel« verspottet wurde, noch wollte er die gesellschaftlichen Konsequenzen ertragen, die sich für ihn im Dorf als Vater eines unehelichen Kindes ergeben hätten. Noch heute steht die »Mordeiche« am Tatort und zeugt von der grausigen Tat.

Matthias Blazek hat für sein jüngstes Werk detailliert recherchiert und legt einen minutiösen Bericht über den Mordfall, seine gerichtliche Aufarbeitung und die letzte Hinrichtung in Hessen vor – dem einzigen Bundesland, in dessen Landesverfassung noch bis heute (2017) die Todesstrafe steht (Art. 21).  Blazek präsentiert wiederum zahlreiche Abbildungen, zeitgenössische Darstellungen und bislang unveröffentlichte Dokumente; ferner stellt er einen ausführlichen Lebenslauf des letzten hannoverschen Scharfrichters, Christian Schwarz, bereit, der den traurigen Akt auf dem Rabenstein bei Marburg 1864 vollzog.

ibidem-Verlag, Stuttgart 2017
ISBN 978-3-8382-1147-3
Cover-Artwork: Josefine Berndt
Durchsicht: Dr. Lutz Münzer
118 Seiten, Paperback, mit Originaldokumenten, 18,80 €

Veröffentlichung: 19. Oktober 2017 
Tel. 0711/9807954

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