Charlotte Amalie Emilie Hödel kann den Verlust ihres Jungen Max nicht verwinden
Eine Depesche aus Berlin brachte am 19. August 1878 die Nachricht, dass der Attentäter Max Hödel am 16. des Monats früh zu Berlin auf dem Hof der Stadtvogtei enthauptet worden sei. Hödel hatte am 11. Juni 1878 ein Attentat auf Kaiser Wilhelm I. verübt. Dieser war gerade in einer offenen Kutsche „Unter den Linden“ in Berlin unterwegs gewesen, als die zwei Revolverschüsse des 20 Jahre alten Klempnergesellen ihr Ziel verfehlten. Wenige Wochen nach der Tat wurde Hödel vom Scharfrichter Julius Krautz (1843–1921) aus Berlin mit einem Beil-Duplikat enthauptet, ohne dass seine Tatmotive ausreichend geklärt worden waren. Max Hödel sagte bis zuletzt, dass er nicht die Absicht gehabt habe, den Kaiser zu töten.

Auf den mit seiner Tochter (Großherzogin von Baden) im offenen Wagen sitzenden Kaiser (Wilhelm I.) feuert der arbeitslose, aus Leipzig stammende Max Hödel aus einer Pistole. C. Schwager in Dresden
Hödels Mutter, Charlotte Amalie Emilie, verheiratete Lehmann, litt sehr unter dem Verlust ihres Sohnes, wie aus einem Beitrag in der „Rhein- und Ruhrzeitung“ am 19. August 1878 deutlich wird:
„Ein Spezialberichterstatter des „B. B.“ hat gestern, dem Tage der Hinrichtung Hödels, dessen Eltern in Leipzig besucht; dieselben hatten am Morgen Seitens des Leipziger Polizeicommissariats die Nachricht erhalten, daß am Morgen um 6 Uhr das Urtheil vollstreckt sei, daß der Attentäter nicht mehr unter den Lebenden weile. Die Mutter des Enthaupteten ist schwer erschüttert und tief gedrückt. Ruhelos eilt sie im Zimmer umher und kann den Gedanken, daß ihr Sohn nicht mehr lebe nicht fassen. Die ganze Liebe der Mutter zu ihrem Kinde – rührend auch hier, wo diese Liebe einem Verbrecher galt – kommt in ihrem Benehmen zum Ausdruck. Der Schreck hat sie förmlich betäubt. Sie will durchaus nicht glauben, daß es wahr sei, daß ihr Sohn nicht mehr lebe, daß er enthauptet sei. Der Stiefvater benimmt sich viel ruhiger und ziemlich gleichgiltig. Er flickt seine Stiefeln, dampft aus seiner Pfeife den Rauch vor sich hin und nennt Hödel einen mißrathenen, unverständigen, elenden Menschen und wundert sich, daß er nicht wenigstens ein Gnadengesuch eingereicht hat. Mit wie großer Ruhe er die Lage der Dinge auffaßt, das geht daraus hervor, daß er fragte, ob er denn wohl die Kleider und die Sachen wiederbekäme, die sich Hödel von dem Gelde gekaufthabe, das er seinen Eltern gestohlen. Der letzte bei den Eltern eingetroffene Brief Hödelsenthält seine Ansicht darüber, daß das Urtheil wahrscheinlich vollstreckt werden würde. Derjenige, den er unmittelbar vor seiner Hinrichtung geschrieben, ist noch nicht eingetroffen. Als er jenen vorletzten Brief an die Eltern schrieb, wußte er noch nicht, ob das Urtheil bestätigt werden würde. Er schrieb darüber aber sehr kaltblütig: „Ich esse und trinke außerordentlich gut, und wünsche, daß ihr so wohl und munter seid wie ich. Ich finde alles egal, ob mir der Kopf vom Rumpf gehauen wird. Meine Laufbahn ist vollbracht.“ Der Brief, der im Übrigen gleichgültigen Inhalts ist, enthält noch den Vers:
„Den Du hast in Schmerz geboren,
Der ist in der Schlacht verloren,
Ja, ja verloren in der Schlacht,
Meine Laufbahn ist vollbracht.“
Diese Verse rühren augenscheinlich von Hödel selbst her. Nach denselben fährt Hödel in dem Briefe fort: „Es wird ja Alles todtgeschossen im Leben. Jeder sorgt für sich selber, im Kriege gehts so her und sonst auch. Die Mutter soll sich trösten. Nun geht bei mir das Hängen an. Nun können wir den alten Mann den Gastwirthin Schkeudnitz leben lassen.“ (Bekanntlich hatte Hödel dem Gastwirth in Schkeudnitz, der ihm das Local zu einer socialdemokratischen Versammlung nicht hergeben wollte, gedroht, bei ihm werde das Hängen anfangen.) Die Mutter, die ganz kopflos ist, will durchaus nach Berlin, um sich selbst von dem Geschehenen zu überzeugen, weil sie behauptet, ihr Sohn könne nicht todt sein.“
Bis zum April 1889 enthauptete Krautz 53 Männer, dann stand er wegen der Tötung seines früheren Gehilfen Gummich aus Charlottenburg vor Gericht und wurde danach nicht wieder angefordert.
Literaturempfehlung: Matthias Blazek: Scharfrichter in Preußen und im Deutschen Reich 1866–1945. ibidem-Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8382-0107-8.